Stolpersteine erinnern an Zeugen Jehovas
Bild: Baumjohann
Gunter Demnig verlegte am Donnerstag Stolpersteine in Warendorf und Hoetmar.
Bild: Baumjohann

Am 21. Mai 1937 standen die beiden Warendorfer vor Gericht: Das Sondergericht Dortmund machte ihnen in den Räumen des Amtsgerichts Warendorf den Prozess wegen „staatsfeindlicher Betätigung“. Am Donnerstag stellten Schüler von Geschichtskursen der Q2 des Mariengymnasiums den Prozess als szenische Lesung dar – auf dem Parkplatz an der Molkenstraße, wo 1937 das Gerichtsgebäude stand.

Die Lesung war der Auftakt zu einer besonderen Verlegung von Stolpersteinen in Warendorf: Erstmals erinnern die Steine auch an nicht-jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Verlegt wurden die Steine für Max, Ida und ihre Tochter Ruth Jeremias vor dem Haus Oststraße 33.

Als Max und Ida ins Gefängnis kamen, wurde ihnen auch das Sorgerecht für die sechsjährige Tochter entzogen, die dann bei Max’ Schwester Martha Froede lebte. Diese Martha Froede war auch die Großmutter von Gudrun Sennhenn. Die Warendorferin hat auf Bitten der hiesigen Stolperstein-Initiative noch einmal alte Fotobücher ihrer Großmutter durchforstet und tatsächlich Bilder der Familie Jeremias gefunden. „Die meisten Fotos waren nicht beschriftet, aber unter einem Bild stand ,Ruth’“, berichtet Sennhenn. So fand man dann weitere Fotos der Familie. „Das macht schon Gänsehaut, wenn so etwas zu einem nach Hause kommt“, sagt sie.

Ebenfalls Stolpersteine verlegt wurden gestern für Berta und Juliane Samuel an der Gerichtsfuhlke 8 – und damit mit Juliane Samuel erstmals in Warendorf für ein Opfer der NS-Euthanasie, der Tötung der Menschen, die die Nazis als „lebensunwert“ betrachteten. Wilhelm Uchtmann war neun Jahre alt, als Berta Samuel im Dezember 1941 abgeholt wurde, um von Münster aus nach Riga gebracht zu werden. „Ich war auf dem Weg zur Schule“, erinnert er sich. „Ich weiß noch, dass sie sich auf einen Stuhl stellen musste und dann auf die Ladefläche eines Wagens geschoben wurde.“

Die ersten Steine für Zeugen Jehovas als Opfer des NS-Regimes, die gestern in Warendorf verlegt wurden, sind keine Ausnahme: 250 der Quadrate erinnern bereits in Deutschland an diese verfolgte Gruppe. 1933 hätten 25 000 Zeugen Jehovas in Deutschland gelebt, berichtete gestern Matthias M. Ester. Davon seien 10 000 verhaftet, mehr als 2000 in KZs gebracht worden. 1200 Todesopfer habe es unter den Zeugen Jehovas gegeben.

Darunter auch Max Jeremias aus Warendorf. Als der Richter ihn fragte, wie er sich in Zukunft verhalten wollte, antwortete er: „Ich werde Zeuge Jehovas sein und das Wort Gottes verkünden.

Stein in Hoetmar erinnert an Dechanten

Zum Gedenken an den von den Nationalsozialisten verschleppten und ermordeten Seelsorger August Wessing verlegte Künstler Gunter Demnig auch in Hoetmar vor dem ehemaligen Pfarrhaus an der Sendenhorster Straße einen Stolperstein. „Alle, die um Hilfe baten, haben von ihm Hilfe bekommen“, erinnerte Pfarrer Manfred Krampe an Hoetmars Dechanten.

1932 war er als Priester nach Hoetmar gekommen, 1942 verhaftet, nach dem Gefängnisaufenthalt in Münster im Konzentrationslager Dachau interniert und dort am 4. März 1945 wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers verstorben. Verhaftet worden war Wessing wegen „Feindbegünstigung“ – auch, weil er einem russischen Mädchen hatte einen Rock nähen lassen und verraten worden war.

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