Warme Töne bei arktischer Kälte
Bild: Schulte im Walde
Die drei Solisten, die einen großen Unterschied machten: (v. l.) Stephan Hinssen (Tenor), Claudia Lawong (Sopran) und Michael Nonhoff (Bass).
Bild: Schulte im Walde

Eine Prozession, die den Chor am Sonntag vom hinteren Teil der Kirche gemessenen Schrittes bis zum Altarraum führte.

„Siehe, dein König kommt zu dir, öffne die Tür“ – mit diesen im Kanon gesungenen Versen eröffneten die Sänger ihr Adventskonzert. Ein Nachmittag der besinnlichen, eher meditativen Töne, was heutzutage alles andere als selbstverständlich ist.

Fest vorbereiten, statt es vorwegzunehmen

Im Gegenteil: Außerhalb der Kirchenmauern ist der klare Unterschied zwischen Advent und Weihnachten längst verwischt. Genau deshalb hatte Kantor Bernhard Ratermann gezielt Kompositionen ausgewählt, die auf das Fest erst einmal vorbereiten und es nicht schon vorwegnehmen.

„Machet die Tore weit“ ist eine solche Vorbereitung. Die gleichnamige Kantate von Georg Philipp Telemann erinnert an Einkehr, Gewissenserforschung, Bereitschaft zur Umkehr jedes einzelnen Menschen, damit der König der Ehren, der Erlöser durch eine offene Pforte Einzug halten kann in die Herzen der Gläubigen. Telemann lässt stellvertretend für das Volk Gottes außer dem großen Chor auch Solo-Sopran und Solo-Bass beten und bitten, loben und singen. Claudia Lawong (Sopran) und Michael Nonhoff (Bass) taten dies sehr nachdrücklich und mit nobel geführten Stimmen.

Kleine Stolpersteinchen überwindet der Chor mit Bravour

Mitunter liegen auch mal kleine Steine auf dem Weg. So wie jetzt in St. Laurentius. Da gab es im zweiten Abschnitt des Eingangschors eine Stolperstelle – und der rechte Pfad geriet außer Blick. Passiert uns Zuhörern das nicht auch immer wieder, könnte man da fragen.

Mit Vertrauen und Courage klappte der zweite Anlauf, mit dem Chor und Instrumentalisten dann sicher ihr Ziel erreichten. Es war gewiss kein Zufall, dass auch das Publikum in der gut besetzten, dabei arktisch kalten Kirche eingeladen war, die Stimmbänder zu aktivieren: „Macht hoch die Tür“, „Wachet auf“ und „Komm, du Heiland aller Welt“ – Chor und Gemeinde als große Gemeinschaft in Erwartung des Gottessohns.

Bach rollt mit französischer Ouvertüre den roten Teppich aus

Von der freudigen Erwartung des Gottessohns Jesus Christus spricht auch Johann Sebastian Bachs nicht allzu lange, aber großartige Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“ (BWV 61) am Ende des Adventskonzerts. Was tut Bach? Er rollt dem sehnlichst erwarteten König den roten Teppich aus mit einer prächtigen französischen Ouvertüre, vom engagiert spielenden „Collegium Musicum“ punktgenau intoniert.

Da hinein mischt sich der selbstbewusste Chor und übergibt anschließend an den Solo-Tenor Stephan Hinssen. Der erinnert an das ja bereits vollendete Heilsgeschehen („Was hast du nicht an uns getan“), während Claudia Lawong („Öffne dich, mein ganzes Herz“) noch einmal jede einzelne Seele freundlich ermahnt.

Auf den Schlussakkord folgt großer Applaus

Chor, Orchester und vor allem die drei ausgezeichneten Vokalsolisten – sie alle rundeten sich zu einem innigen Klang, der keinen Zweifel ließ an dieser Botschaft: Gottes Sohn kommt, aber wir müssen ihm den Weg bereiten. Davon erzählten auch die von Veronika Hofmeister rezitierten Jesaja-Bibelverse.

Großer Applaus nach dem Schlussakkord – und als Zugabe noch einmal Telemann, ganz ohne Stolpersteinchen.

Christoph Schulte im Walde

SOCIAL BOOKMARKS