Weihnachtspost aus Weltkrieg zugestellt
Bild: von Stockum
Zustellerin Tanja Neumann überreicht Heinz Leve den Brief seines Onkels aus dem Zweiten Weltkrieg.
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Am 16. Dezember des Jahres 1942 hat der Wehrmachtssoldat Aloys Leve „mal nichts zu fahren“, stattdessen Zeit, ein „Briefchen“ zu schreiben.

Dass die persönlichen Zeilen des 1986 verstorbenen Landwirts aus Warendorf einmal viel Aufsehen erregen werden, kann der damals 24-Jährige nicht ahnen. Auch nicht, dass die Zustellung des kleinen Schriftstücks 70 Jahre dauern wird. Beinahe hätte der Brief von Aloys Leve seine Familie nie erreicht.

Scheinbar sicher verstaut in einem Sack des Feldpostamts, sollen die Weihnachtsgrüße des auf der besetzten Kanalinsel Jersey stationierten Warendorfers im Winter 1942 nach Deutschland gebracht werden. Widerstandskämpfer aber stehlen die Post und verstecken sie. Möglicherweise aus Reue bietet einer der Beteiligten die Briefe vor vier Jahren einem britischen Museum an, das wiederum in diesem Jahr den Kontakt zu Deutschen Post sucht. Schließlich könnte es ja noch Angehörige geben, die ich über die Zustellung der insgesamt 85 Weihnachtsgrüße freuen.

Emotionale Briefübergabe

Und so stehen Heinz und Hedwig Leve mit Sohn Christian und seiner Verlobten Petra Wittkamp gestern auf ihrem Hof in Vohren und warten ungeduldig auf Zustellerin Tanja Neumann. Schließlich hat Post-Pressesprecher Rainer Ernzer für diesen Tag Großes angekündigt. Medienvertreter scharen sich um die Familie, als der Brief des Soldaten Aloys nach 70 Jahren seinen Neffen Heinz Leve erreicht.

Der Moment der Übergabe ist emotional. Obwohl er mit seinem Onkel und auch mit seinem Vater nie über ihre Kriegseinsätze gesprochen hat, kann sich Heinz Leve ungefähr vorstellen, wie schwer die Zeit gewesen sein muss. „Ich denke da an meinen Großvater, der drei seiner Kinder in den Kampf ziehen lassen musste“, sagt der Bankkaufmann am Donnerstag. Geht es ihnen gut? Sind die Jungs gesund? Kommen sie zurück? Das sind Fragen, die den Opa Heinz Leves über Jahre hinweg beschäftigt haben dürften. „Es war sicherlich ein große Belastung“, kann sich der Neffe des Mannes vorstellen, der den Weihnachtsgruß, der mit einigen anderen mit 70 Jahren Verspätung zugestellt wird, verfasst hat.

Ein Brief von 85

Der Brief für die Warendorfer Familie Leve ist nur einer von 85, die 1942 gestohlen werden. Die Zustellung heute habe ein hohes Maß an Detektivarbeit erfordert, erläutert gestern Rainer Ernzer. Vier Familien in ganz Deutschland nehmen die Post in den vergangenen Tagen an – andere sind noch nicht gefunden, manche lehnen gar ab. „Einige wollen offenbar nicht in der Vergangenheit rühren“, heißt es.

„Geht mir noch sehr gut“

Diesen Brief schrieb Aloys Leve vor
71 Jahren.
Trotz seiner abenteuerlichen Geschichte sieht der Brief von Aloys Leve, der bis zu seinem Tod vor 26 Jahren nie eine eigene Familie gründete, an seine „Lieben daheim“ erstaunlich gut aus. Um ihn lesen zu können, haben sein Neffe Heinz Leve und dessen Frau Hedwig ihn von jemandem entziffern lassen, der sich mit der Sütterlin auskennt.

Aloys Leve schreibt wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1942, dass es ihm „noch sehr gut“ gehe. Er „hatte den Schuft gestern mal gefragt, wann ich denn jetzt so an Urlaub fahren denken könnte“. Der „Schlächter“, der offenbar das Schwein zur Feier der Heimkehr herrichten soll, solle sich aber schon mal bereithalten. Auch erinnert er seinen kleinen Bruder Franz („Fränzchen“), daran, den Teller aufzustellen, damit er an Weihnachten mit kleinen Leckereien gefüllt werden kann.

„Hoffentlich bringt dir das Christkindchen auch ein schönes Weihnachtsbäumchen. Den musst du aber stehen lassen, bis ich komme“, heißt es weiter. „Es grüßt euch alle vielmals euer Sohn und Bruder Aloys, besonders dir Fränzchen.“

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