Kurioses aus 105 Jahren Stadtrat



Rietberg (bv) - „35 Jahre haben wir daran gearbeitet, die Mehrheiten im Stadtgebiet zu verändern. Dieses Ziel ist jetzt erreicht.“ Gerd Muhle (SPD), Jürgen Don und Werner Bohnenkamp (beide Freie Wähler) sind seit 1979 Ratsherren der Stadt Rietberg.

Jeweils 35 Jahre im Stadtrat sind (von links) Gerd Muhle, Werner Bohnenkamp und Jürgen Don.

Im Gespräch mit der „Glocke“ blicken die drei „alten Hasen“ – jüngst in die achte Legislaturperiode berufen – auf inzwischen insgesamt 105 Jahre Lokalpolitik zurück. „Um so lange Oppositionsarbeit machen zu können, braucht man schon Durchhaltevermögen. Das muss man ertragen können“, weiß Jürgen Don (64). „Wir haben gelernt, verlieren zu können und mussten Strategien entwickeln, um unsere Politik zu verwirklichen“, ergänzt Werner Bohnenkamp (67). „Wenn wir viele Bürger für eine Sache begeistern konnten, kippte die CDU schon mal um. Wir haben das damals ‚rote Feder am schwarzen Hut‘ genannt“, erinnert sich Gerd Muhle (66) und lacht.

 Beispielhaft hierfür sei der von Stadtdirektor Hermann Kloock (1972 bis 1992) geplante, letztlich aber verhinderte Abriss der 1906 erbauten Südtorschule, die einer Sparkassenfiliale weichen sollte. Bohnenkamp: „Kloock wollte damals die Heizung abklemmen, was wir entschieden abgelehnt haben. Denn so wäre das Gebäude marode geworden und hätte tatsächlich abgerissen werden müssen.“ Durch das Umschwenken zweier CDU-Mitglieder habe die heute als Jugendzentrum genutzte Schule gerettet und unter Denkmalschutz gestellt werden können.

Eine Ratssitzung am 17. Juli 1981 stellt für die „Ratsdinos“ bis heute ein besonderes Schlüsselerlebnis dar. Auf der Tagesordnung habe die Unterschutzstellung des alten VGWV-Wasserturms an der Langen Straße gestanden. Muhle: „Es war geplant, den Turm zu sanieren – als Wahrzeichen der Stadt. Und dafür hätte es auch eine Mehrheit gegeben.“ Durch den Abriss des Turms noch während der Sitzung habe der Stadtdirektor unwiederbringliche Fakten geschaffen. Den Entscheidungsprozess um den Bau einer Riesenrutsche im Rietberger Freibad Anfang der 1980er-Jahre wertet das Trio rückblickend als Kuriosum.

 Obwohl „eigentlich eine Unsinnigkeit, die wir uns absolut nicht leisten konnten“, sei hierfür im Stadtrat aus allen Fraktionen eine Mehrheit zustande gekommen. Noch am gleichen Abend – „wir feierten gemeinsam den 50. Geburtstag des Beigeordneten Stefan Dörhoff“ – sei der fragliche Beschluss relativ überraschend „in verantwortungsvoller Bierlaune“ wieder gekippt worden.

Jürgen Don erinnert sich noch heute gern an den früheren Brauch, die Sitzungen in heimeliger Kneipenrunde gemeinsam ausklingen zu lassen. „Obwohl wir schon damals leidenschaftlich und kontrovers um politische Entscheidungen gerungen haben, blieb die zwischenmenschliche Ebene davon stets unberührt. Das war irgendwann plötzlich anders.“

Möglicherweise stehe die letzte Ratssitzung im vergangenen Jahr, mit einem gemütlichen gemeinsamen Essen zum Jahresausklang für eine positive Rückbesinnung. Mit Hermann Kloock, Hubert Deittert (1977 bis 1997), Wolfgang Schwade (1992 bis 1997) und André Kuper (1997 bis 2012) vier CDU-Stadtoberhäupter „überlebt“, war es den drei Ratsherren wichtig, „zu bleiben und die von den Wählern gestellten Aufgaben zu erledigen“.

Der Mehrheitsverlust der CDU nach der Kommunalwahl im Mai stelle nun alle Fraktionen vor eine noch größere Verantwortung. Aber: „Wenn alle gemeinsam aufs Neue um die Mehrheit ringen, hat Rietberg wirklich eine Wende vollzogen.“

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