Lange Schatten auf Werkvertragssystem



Rheda-Wiedenbrück (kvs) - So ganz genau kann Gudrun Bauer, Ombudsfrau für die Werkvertragsarbeiter, nicht sagen, für wie viele Menschen sie Ansprechpartnerin ist. Daran lässt sich erkennen: Nicht nur die Firma Tönnies hat ihren Erfolg auf diesem Beschäftigungsmodell aufgebaut.

Es gibt diverse Branchen, denen ein Teil ihrer Arbeitskräfte von Dienstleistern wie der Firma Besselmann mit Sitz in Beelen „überlassen“ wird. Seit einigen Tagen aber fallen dunkle Schatten auf die Weiße Ware und die Hochglanzfronten ob der vielfach unwürdigen Lebensbedingungen, unter denen die zumeist osteuropäischen Malocher samt ihren Familien ihr Dasein in der Fremde fristen.

Das Corona-Infektionsgeschehen bei Tönnies hat den Fokus auf die Werkvertragsarbeit und die problematischen Begleitumstände geworfen. „Das Gros ist in der Fleischindustrie beschäftigt, es gibt aber auch etliche in der Möbelbranche und in anderen lebensmittelverarbeitenden Betrieben“, sagt Bauer.

Das gravierendste Problem macht die Ombudsfrau in der Wohnraumüberlassung aus, sprich: in der Kopplung von Bett und Job. Beim Dienstleister die Brocken hinwerfen und bei Tönnies einen Direktvertrag unterschreiben, das kann nur derjenige, welcher sich zuvor erfolgreich privat um eine Bleibe gekümmert hat. Jeder aber weiß inzwischen, wie angespannt die Situation auf dem Immobilienmarkt ist. Wie schwierig sich da die Quartiersuche für einen Bulgaren, Polen oder Rumänen gestaltet, der der deutschen Sprache kaum mächtig ist und überdies keinerlei Sicherheiten vorweisen kann, liegt auf der Hand.

Es hat bisweilen aber auch profanere Gründe, warum Werkvertragsarbeiter keine Direktanstellung haben: beispielsweise ein drohender Ortswechsel innerhalb des Unternehmens. Weil nämlich einzelne Dienstleister mitunter ganze Bereiche abdecken, müsste bei einem Arbeitgeberwechsel möglicherweise das Band gewechselt, der kleine berufliche Kosmos aufgegeben werden. Und das in einem fremden Land, in dem es um die Sozialkontakte ohnehin schon nicht zum Besten bestellt ist. „Das würde bedeuten, sich neu einfinden zu müssen, weiß Gudrun Bauer.

Nun, da die Abschaffung der Werkverträge zumindest in der Fleischindustrie angekündigt worden ist, blickt Gudrun Bauer gespannt auf das, was da kommen mag: „Denn wenn die Subunternehmer weg sind, sind auch die Wohnungen futsch, die sie angemietet haben.“

Es sind Personalvermittler, die ihre Landsleute in der osteuropäischen Heimat anwerben mit dem Versprechen, in Deutschland gutes Geld verdienen zu können. Für Transfer und Bleibe sei gesorgt. „Das Verwerfliche ist, dass an diesen Menschen so viele andere mitverdienen“, sagt Ombudsfrau Gudrun Bauer. Sowohl der Anwerber als auch der Bullifahrer und der Dienstleister vor Ort, der Eigentümer der Unterkunft und das arbeitgebende Unternehmen – alle profitieren von denjenigen, die hier auf das große Glück hoffen. Täglich kommen Neue an.

„Aus organisatorischen Gründen schaffen wir es nicht immer“, hat ein Mitglied der Geschäftsführung eines Subunternehmens am Samstag Gudrun Bauer mitgeteilt, als die ihm binnen kürzester Zeit die sechste Adresse nannte, an der Menschen nichts mehr zu essen hatten. „Und das, obwohl es den klaren Auftrag gibt, dass die Dienstleister ihre Beschäftigten versorgen.“ Gudrun Bauer ist fassungslos über die Gleichgültigkeit. Immerhin: Die Firma lieferte binnen 30 Minuten. Zuvor war die Ombudsfrau ihrem Ansprechpartner allerdings zum wiederholten Male gehörig aufs Dach gestiegen.

Am Pranger steht bei alldem nur einer: der Rhedaer Unternehmer Clemens Tönnies. Gudrun Bauer rät zu einer differenzierten Betrachtung der gegenwärtigen Situation: „Verantwortung tragen viele, es haben ja auch viele am System verdient.“ Schuld habe zudem die Politik auf sich geladen, die das ganze Treiben erst ermöglicht und dann zu lange weggesehen habe.

Wenn jetzt Außenstehende kommen und den Menschen in Rheda-Wiedenbrück Tatenlosigkeit vorwerfen, empfindet Gudrun Bauer das als unverschämt. „Die Lage wäre noch wesentlich schlimmer, wenn wir nicht schon zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensumstände der Werkvertragsarbeiter ergriffen hätten.“ Geradezu verwerflich seien die Reaktionen derer, die dem Thema nie Bedeutung beigemessen hätten, nun aber „große Reden schwingen und sagen: Seht euch das an, ich habe es immer schon gesagt“.

„Wir haben die Schwierigkeiten rund um die Werkvertragsarbeit bereits seit langer Zeit auf dem Schirm“, sagt Bauer, im Gegensatz zu vielen anderen, die gerade erst anfangen. Natürlich liegt hier noch vieles im Argen: Aber die Rheda-Wiedenbrücker beschäftigen sich damit.“

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