Aufrecht über hohlem Gelände
Zwei Denkmäler hoch über den Dächern der Zeche: Willi Pott auf Förderturm „Wilhelm I“.

Tief zieht Willi Pott die kühle Luft ein und lässt den Blick über die bewachsene Halde wandern, Ahlens Alpen, den Monte Schlacko. Willi und Wilhelm I – zusammen sind sie 182 Jahre alt, 40 Jahre haben sie Seit’ an Seit’ auf der Zeche malocht, sogar Namensvettern sind die beiden. Und doch: Noch nie bis zu diesem Tag ist Willi Pott die 55 Meter auf den Förderturm „Wilhelm I“ hochgestiegen. Tagaus, tagein ging’s nur abwärts, tief in die Morsbach-Schächte hinein.

 Jetzt aber steht er einmal ganz oben, lugt neugierig hinaus in die zerfurchte Landschaft und klopft prüfend auf die stählernen Speichen der gelben Seilscheiben. „Ein Speichenlecker war ich nie“, sagt er und grinst zerknittert über seinen eigenen Wortwitz. Die Sportlegende kommt nicht einmal außer Atem, als sie dem Industriedenkmal aufs Dach steigt.

 Die Pumpe steht unter Beobachtung, ein Lungenflügel ist „B Zwo“, vom Steinstaub verklebt und fast hinüber. „Merk ich aber nix von“, kraxelt Pott locker die nicht enden wollenden Stufen von „Wilhelm“ hoch. Am heutigen Samstag wird Willi Pott 80 Jahre alt, aber Herzuntersuchungen sind im Hause Pott höchstens Anlass zu Diskussionen unter Fußballfans. Ob denn der Marco Reus jetzt nach Bayern ginge, hat ihn der Doktor gefragt, als „der an meinem Herzen rumprukelte“, erzählt Pott. „Als ob ich das wüsste.“

Aber wer soll’s schon wissen, wenn nicht er, auch wenn er mit Reus nur noch selten telefoniert. 17 Jahre war er der Pott unter dem Deckel LR und RW Ahlens. Wäsche waschen, Brause mixen, Bälle klauben – der Hausmann für die Profis in guten wie in schlechten Zeiten. Nur ein Zeugwart also. Nur? Richtet man Betreuern, so wie letzten Mittwoch, ein Legenden-Spiel mit 3000 Gästen aus? Wird so jemand von seinen Spielern und prominenten Trainern zum „Kult-Zeugwart“ ausgerufen? „Keine Ahnung“, schüttelt Pott den Kopf.

Dabei hat ihn vor knapp zehn Jahren schon Trainer Ingo Peter belehrt: „Willi, du bist kein Zeugwart, du bist eine Institution.“ Vielleicht, so schwant dem knorrigen Kumpel was, vielleicht, weil er nie etwas in seinem Leben nur mit halbem Herzen getan habe. „Immer mit Leib und Seele“, sagt er. „Oder gar nicht!“ 80 Jahre also ohne „Speichenlecken“ und so unerschütterlich aufrecht über hohlem, untertunneltem Gelände wie der Kollege „Wilhelm I“ – näher am Mythos geht wohl nicht.

Lesen Sie den ganzen Artikel  zu Willi Potts Geburtstag und viele andere Geschichten dazu in der Glocke am Samstag.

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