Carinas Kampf gegen Ecken und Kanten
Bild: Wegener
Kühns kühne Truppe: Alles hört auf sein Kommando  (v. h.) RWA-Torwarttrainer Klaus Kühn macht Marcel Vieregge, Joel Kiranyaz, Nuri Dönmez und Carina Schlüter beweglich für einen harten Job.
Bild: Wegener

 Drei solche Kanten hat Kühn heute im Sondertraining, starke, schnelle und selbstbewusste Schnapper. Drei kräftige Schlussmänner aus den älteren Jugendteams RW Ahlens springen, fangen und knallen den Ball ins noch leere Tor – und beim Warmmachen, mittendrin, wippt auch ein blonder Pferdeschwanz.

 „Tja, ich bin ja nicht so die Kante“, zuckt Carina Schlüter die schlanken Schultern. „Aber ich hab Ehrgeiz. Und dass die Jungs antrittsschneller sind, härter im Zweikampf und aggressiver als Frauen, das tut mir nur gut“. Die 17-jährige will lernen, will gefordert werden; es darf, es soll mal wehtun, wenn sie beim Herauslaufen auf eine Kante prallt. Wer Angst vor blauen Flecken hat, kann ja Synchronschwimmen machen.

 Aber Carina hat andere Ziele: „Einmal ins A-Nationalteam, einmal ein großes internationales Turnier spielen“, sagt sie und die blauen Augen blitzen. Bis in die zweite Bundesliga beim VfL Bochum ist sie schon gekommen. Hat den U 15-Länderpokal 2011 gewonnen, hütete schon einmal den Kasten der U 16-Nationalmannschaft, als Austauschschülerin auch das Tor der Westside Highschool in Houston/Texas und wartet nun als Jungjahrgang auf den Ruf in den U 19-Nationalkader. „Die Konkurrenz ist groß“, weiß sie.

 Aber nicht unschlagbar, und dafür investiert sie viel. Darum will sie besser werden. Viel besser. „Stärken stärken, Schwächen schwächen“, predigt Klaus Kühn gern, Carina wiederholt das gern und oft, fast wie ein Mantra. Der Torwarttrainer RW Ahlens ist genauso torwartverrückt wie seine Eleven. Mit der ganzen Erfahrung aus einem Dutzend Jahre Oberliga bei der SpVgg Beckum oder als Senioren-Coach in Roland und Vorhelm, verbessert der 56-Jährige schon im dritten Jahr zweimal die Woche Sprungkraft, Schnelligkeit, Auge und Schusskraft aller rotweißen Torleute.

Dass Sohnemann Philipp seine Karriere auch bei RW Ahlen startete, um jetzt als Sandhausener Leihgabe bei RW Oberhausen dem Ball hinterherzufliegen – ein Zufall? Vielleicht nicht, denn Kühns Können wird längst auch beim DFB geschätzt. Auf Vermittlung von B-Jugend-Trainer Holger Bellinghoff hatte einst das Mädchen-Fußball-Internat in Kaiserau durchgeklingelt: Ob er denn noch Platz hätte, ein Mädchen zu trainieren? Klar, Kühn hatte, was sonst!

Auf Ochsentour für das große Ziel „A-Kader“

„Meine Jungs sind ganz anders, wenn Carina dabei ist“, zwinkert Klaus Kühn vielsagend. „Dann wollen die natürlich zeigen, was sie draufhaben.“ B-Jugend-Keeper Joel Kiranyaz bleibt dabei etwas vager: „Das motiviert schon“, lächelt er. Warum? Er zögert. „Na, Mädchen sind eben unterschiedlicher.“ Aha. Spricht’s, und verabschiedet sich, um sich mit Carina die Bälle zuzupöhlen.

 Eine Win-win-Situation, alle profitieren vom koedukativen Training. „Es macht riesigen Spaß in Ahlen“, sagt Carina. Irgendeinen Grund muss es ja haben, diesen unglaublichen Aufwand zu betreiben. Die Mindenerin baut in zwei Jahren ihr Abitur am städtischen Gymnasium in Kamen, wohnt und trainiert mit 14 weiteren Mädels im Fußball-Internat, besucht das Torwart-Stützpunkttraining in Duisburg-Wedau, am Wochenende Pflichtspiele mit dem VfL Bochum und dann noch zweimal die Woche die Ochsentour nach Ahlen. Ein bisschen viel?

„Nein, meine Freunde haben alle Verständnis, und in Kaiserau sind wir wie eine große Familie.“ Außerdem sei der Klaus ein toller Trainer. „Der baut einen auf, motiviert einen und hat eine hervorragende Einstellung“, ist Carina begeistert. Seit 13 Jahren spielt sie nun schon Fußball.

 Seit Bruder Claus und Opa mit Klein-Carina im Garten die Pflanzstangen abgeschossen haben, will sie die immer die erste Sauberfrau am Rechteck sein. Sprungkraft hat sie, Flanken fischen gefällt ihr. „Dafür aber muss ich noch an der Fußtechnik arbeiten, auch an der Präsenz im Strafraum“, weiß die 1,73 Meter große, starke Frau um ihre paar Schwächen.

„Carina, lauter werden!“ treibt Kühn deshalb an, wenn sie mit seinen Ahlener Jungs im Elfer auf Kollisionskurs geht. Ecken abfangen und dabei auf Kanten prallen tut weh. Macht aber stark. Und ist nur was für Mädchen, die keinen Schiss haben.

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