Ex-Präsident Gosda über Pleite RW Ahlens
Fingerzeig: „Ich hätte mir manchmal mehr Unterstützung gewünscht“, sagt der ehemalige Präsident Heinz-Jürgen Gosda im Rückblick auf die Krise. 

„Die Glocke“: Herr Gosda, wie geht es Ihnen?

Heinz-Jürgen Gosda: Na ja, derzeit arbeite ich doppelt so viel für unsere Firma als früher und habe dennoch die Freizeit, von der ich seinerzeit nicht einmal zu träumen wagte. Nach 25 Jahren Vorstandsarbeit mit 100 Arbeitsstunden pro Monat, 20 Jahren Arbeit in der kommunalen Politik und der Leitung der eigenen Firma habe ich jahrelang über meine Kräfte gelebt. Ich war zum Schluss froh, wenn ich zwei Stunden Schlaf bekam. Kurzum: Es ging nicht mehr. Ich hatte ein Burn-out-Syndrom, mir wurde ein Klinikaufenthalt verordnet, und ich war vier Monate komplett draußen.

„Die Glocke“: Dennoch fiel der Zeitpunkt des Rücktritts aus gesundheitlichen Gründen mit dem Ausbruch der finanziellen Krise bei RW Ahlen zusammen. Zufall?

Gosda: Das ist so nicht richtig. Fakt ist, dass ich nicht mehr konnte, und Fußball von da an ein ärztlich verordnetes Null-Thema war. Mein letzter Arbeitstag war am 13. Juni 2010, es war in der Tat die Arbeitssitzung, in der wir die Erfüllung der DFB-Lizenzauflagen zusammengestellt haben.

„Wir hatten jede Saison zu kämpfen“

„Die Glocke“: Zu der der Verein zur Lizensierung der Drittliga-Saison noch Einnahmen von 4,5 Millionen Euro nachzuweisen hatte.

 Gosda: Machen wir uns nichts vor. Wir hatten jede Saison zu kämpfen, die Finanzierung zu schaffen. Es gab immer einen Betrag X, den wir mit Sponsorenverträgen und Bürgschaften aufgetrieben haben. Und so haben wir es auch dieses Mal probiert.

„Die Glocke“: Nur dieses Mal ist es daneben gegangen.

Gosda: Man hat immer Hoffnung, dass man zusätzliche Sponsoren generieren kann, die den Weg zu unserem Verein finden. Es gab auch immer Signale von Dritten, die sich engagieren wollten. Nur in dieser Saison hat es nicht gereicht, und das, obwohl wir alles versucht haben. Auch mit Sponsorengesprächen weit über die Grenzen dieser Region hinaus. Mehr will ich dazu eigentlich nicht sagen.

„Die Glocke“: Aber eben auch mit Kontakten nach Namibia, wo Sie mit der Firma Induberg einen Vertrag über zwei Millionen abgeschlossen haben, der nie zur Auszahlung kam.

 Gosda: Das war so nicht abzusehen. Aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich dazu nichts sage. Nur so viel: Wir hatten mit Firmen Verträge, die nicht eingehalten wurden. Das stimmt.

„Die Glocke“: Sehen Sie dabei nicht auch den DFB in der Verantwortung, der diese Lizensierung fast ungeprüft abgenickt hat?

 Gosda: Ich habe keine Veranlassung, den DFB anzukratzen.

„Die Glocke“: Wie ist es dann weitergegangen? Die weiteren Finanzierungen und Bürgschaften von Vorstand und Aufsichtsrat für die Restfinanzierung kamen auch nie zur Ausschüttung.

Gosda: Weiß ich nicht. Zur Erinnerung: der 13. Juni war mein letzter Arbeitstag. Danach war ich tatsächlich nicht mehr beteiligt.

„Die Glocke“: Wenn aber Gosda Bau für 80.000 Euro bürgt und Gosda Immobilien für 250.000 Euro, dann müssen Sie doch informiert sein.

Gosda: Das waren keine Bürgschaften, sondern Sponsorenverträge, die später zugunsten einer beträchtlich höheren Summe aufgehoben wurden.

„Ich weiß nichts von einer Klage“

 „Die Glocke“: Sind das die rund 800.000 Euro, die der Insolvenzanwalt Michael Mönig nun gegen Sie einklagt?

Gosda: Eine Klage ist mir nicht bekannt. Dazu kann ich nicht mehr sagen. Wir sind der Auffassung, dass wir unsere Schuldigkeit finanziell mehr als beglichen haben.

„Die Glocke“: Ihre Pause dauerte vier Monate. Nach dem Insolvenzantrag zeigten Sie aber noch einmal Präsenz.

Gosda: Das stimmt. Wissen Sie, man ist einfach DER Fan, man leitet so einen Fußballverein nicht wie eine Firma, da ist viel Emotion dabei und viel Herz. Das fördert leider auch den Tunnelblick. Wir haben einfach damals alles getan, um den Verein zu retten. Dazu gehörte der Griff nach jedem Strohhalm. Und der war plötzlich mit Baris Günes aufgetaucht.

„Die Glocke“: Wie konnten Sie denn auf Günes hereinfallen?

Gosda: Moment, so einfach ist das nicht. Günes hat den Beteiligten Belege in Form von Kontoauszügen vorgelegt und wurde vom damaligen Trainer Arie van Lent empfohlen. Ich habe ihm auch vertraut und die Entscheider zusammengebracht. Wenn ich nicht versucht hätte, diese Chance wahrzunehmen, würde ich mir eher Vorwürfe machen.

„Die Glocke“: Wann haben Sie bemerkt, dass das sogenannte Konsortium eine Luftblase war?

Gosda: Leider erst, als die schriftlich fixierten Vertragsfristen nicht eingehalten wurden. Und das war eben die letzte Chance.

„Nennen Sie das gescheitert?“

 „Die Glocke“: Danach haben sich einige aus Aufsichtsrat und Vorstand zurückgezogen und ihr Unwissen und ihre Unschuld betont. Fühlen Sie sich allein gelassen?

Gosda: Ja.

 „Die Glocke“: Wurden aus ehemaligen Kollegen und Freunden nun Gegner?

Gosda: Sagen wir es so: Ich hätte mir manchmal mehr Unterstützung gewünscht, manche Beziehungen sind etwas abgekühlt. Aber ich nenne keine Namen. Ich karte nicht nach, es wäre nicht fair. Meine Familie hat mit aber immer den Rücken gestärkt.

„Die Glocke“: Sind Sie mit ihren Träumen vom großen Fußball in Ahlen gescheitert?

Gosda (lacht): Gescheitert? Ich bin 1987 bei BW Ahlen eingestiegen, wir sind von der Kreis- bis in die Verbandsliga aufgestiegen, wir haben nach der Fusion mit TuS vier Jahre Regionalliga, sechs Jahre Zweite Bundesliga, nach weiteren zwei Jahren Regionalliga im Stile eines Sommermärchens den Wiederaufstieg geschafft und anschließend wider die meisten Erwartungen die Klasse gehalten. Denken Sie an das Stadion. Wie sich unsere Jugend entwickelt hat. Denken Sie an Großkreutz und Reus! Nennen Sie das etwa gescheitert? Natürlich haben wir auch Fehler gemacht. Aber um Aufsichtsratsmitglied Rainer Kaderka zu zitieren: ‚Wir haben alle Millionen Euro gegeben. Aber am Ende hat es nicht gereicht.‘ So ist das.

„Die Glocke“: Würden Sie sich im Blick zurück noch einmal so engagieren?

Gosda: Rational gedacht hätte ich beim Wiederaufstieg in Liga Zwei oder beim darauf folgenden Klassenerhalt zurücktreten sollen. Besser wäre es nie geworden, und wenn es am Schönsten ist, sollte man ja bekanntlich aufhören – so wie es mir Familie und Freunde geraten haben. Aber ich habe emotional gehandelt und mich anders entschieden. Das würde ich heute mit den gemachten Erfahrungen sicher nicht mehr so machen.

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