Herz für Kinder und die Leichtathletik
Bild: Dresmann
Ihre Medaillen hat Christa Stedtler nicht sortiert oder in der Wohnung zur Schau gestellt. Für „Die Glocke“ hat sie aber einige Wettkampferinnerungen an mehr als 40 Jahre ins rechte Licht gerückt.  
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Vielfältige Bewegung hat ihr auch geholfen, mit Schicksalsschlägen und einer Erkrankung umzugehen. Der Winter 2018 war kein leichter für Christa Stedtler. 

Schicksalsschlag und Herzinfarkt

Erst starb ihr Sohn plötzlich und unerwartet. Genau einen Monat später wurde bei ihr ein Hinterwandinfarkt am Herzen festgestellt. Mit Blaulicht ging es ins Krankenhaus. Doch bereits in der anschließenden vierwöchigen Reha trumpfte sie wieder auf. Beim Sportprogramm hängte sie die Therapeutin ab, und der Arzt staunte über die hervorragenden Werte beim Belastungs-EKG.

Kein Wunder: Christa Stedtler war stets aktiv. Dank eines ihrer drei Kinder findet sie den Weg zur Leichtathletik. 1977 tritt sie zu ihrem ersten Wettkampf an: 3000 Meter bei den Westfalenmeisterschaften. Und prompt läuft sie zu Gold. Es sollten viele Medaillen folgen.

Europareisen in Sachen Sport 

Bei unzähligen Wettkämpfen ist sie seit dem angetreten. Alle europäischen Länder hat sie auf diesem Wege mindestens einmal bereist. „Allerdings bin ich immer in so vielen Disziplinen angetreten, dass ich kaum was von den Städten gesehen habe“, sagt Stedtler, „heute würde ich das anders machen“, ist sich die vierfache Großmutter sicher.

Einer ihrer erfolgreichsten Wettkämpfe war die Senioren-Europameisterschaft in Finnland. Fünfmal Gold und einmal Silber feierte sie dort im Jahr 2001. Dort bestritt sie auch ihre Lieblingsdistanz 400 Meter Hürden. „Da ist mir immer der Turnunterricht in meiner Jugend zugutegekommen, so hat man keine Scheu vor den Hindernissen“, erklärt Christa Stedtler.

Deutsche und weltweite Rekorde

Mit knappen 67 Sekunden hielt sie über diese Distanz sogar einige Zeit einen deutschen Rekord. Auch mit ihrem Fünfkampf-Weltrekord der Altersklasse W60 und WM-Bronze über 80-Meter-Hürden-Distanz hat sie sich einen Namen gemacht.

„Ich bin einfach ein Wettkampfmensch“, sagt Christa Stedtler über sich selbst. Diese Einstellung und die Bedeutung von Gesellschaft und Spaß innerhalb der Gruppe hat sie auch an unzählige Kinder und Jugendliche weitergegeben. „Praktisch direkt zu Beginn meiner Leichtathletik-Zeit habe ich den Übungsleiterschein gemacht“, erinnert sie sich.

Seit fast 50 Jahren Trainerin

Seit Ende der 70er Jahre Kinder trainiert sie beim TV Neubeckum Leichtathleten. „Aus einigen sind großartige Sportler geworden“, betont Stedtler stolz. Die Guten sind oft von größeren Vereinen abgeworben worden, „aber wenn ich sie treffe, begegnen sie einem immer mit einer großen Herzlichkeit und sagen, dass sie bei mir ihre Grundlagen gelernt haben“.

Auch die menschliche, schulische und berufliche Entwicklung ihrer Talente aus einstigen Trainingsgruppen begleitet sie intensiv. Nicht selten haben vormalige Schützlinge ihre eigenen Kinder zu Christa Stedtler zum Sportplatz gebracht. Beschäftigt die sich nicht mit „ihren“ Kindern beim Sport, dann rücken sofort die vier Enkel in den Fokus der stolzen Oma.

Zurück im Wettkampf-Modus

„Mir war damals nicht bewusst, wie gut ich war“, resümiert Stedtler beim Blick zurück auf ihre Sportlerlaufbahn. Jetzt ist sie erstmals wieder bei einem Wettkampf angetreten – rund ein halbes Jahr nach ihrem Infarkt. In drei Disziplinen trat sie bei den deutschen Seniorenmeisterschaften für den TV Beckum an, für den sie nach Querelen mit dem TV Neubeckum seit 2013 startet.

Über 100 Meter kam Stedtler am Wettkampfort Leinefelden mit 19,68 Sekunden auf den vierten Platz, beim Kugelstoßen mit 7,43 Metern auf den sechsten und beim Weitsprung (2,78 Meter) auf den vierten Platz. Damit ist die 75-Jährige für die nächsten Deutschen Leichtathletikmeisterschaften 2020 qualifiziert.

Rehasport als Vorbereitung

Für den jüngsten Wettkampf hat sich die Rentnerin beim Rehasport vorbereitet. „Und das Training mit den Kindern bringt mich natürlich auch selbst in Schwung“, erklärt sie. Seit einigen Wochen betreut sie wieder eine Gruppe von Nachwuchsathleten in Neubeckum. Früher waren es immer zwei Gruppen, „das ist mir aber einfach zu viel geworden“.

„Jetzt nach dem Wettkampf geht es mir so gut wie schon lange nicht mehr. Die Freude aus dem Stadion habe ich mit nach Hause nehmen können.“ In diesem Jahr will Christa Stedtler bei keinem Wettkampf mehr antreten. „Aber die Hallenmeisterschaften im Winter habe ich schon fest in den Blick genommen“, sagt die Rentnerin optimistisch.

Mehrfach Sportlerin des Jahres

Mehrfach ist Christa Stedtler zu Beckums Sportlerin des Jahres gewählt worden. Beim TV Neubeckum gehört sie zum kleinen Kreis der Ehrenmitglieder. „Das hat aber auch zu Neid und Missgunst geführt“, erinnert sie sich und muss zugeben, „der Stachel aus manchen Gesprächen sitzt immer noch tief“.

Doch das traurige Gesicht ist keines, was man bei ihr allzulange sieht. Viel lieber berichtet sie enthusiastisch von den Kindern aus ihrem Leichtathletiktraining, die ihr auch nach dem Tod ihres Sohnes zur Seite gestanden und beispielsweise Hilfe im Garten angeboten haben.

Kinderfeste im eigenen Garten

Die kleine grüne Oase hinter dem Reihenhaus kennen die jungen Sportler gut, denn regelmäßig lädt Stedtler ihre Schützlinge hierhin ein – etwa zu einem Sommer- oder Saisonabschlussfest.

Bei ihren Besuchen ist den Kindern bestimmt der große Aufkleber am Kamin aufgefallen. „Ein Herz für Kinder“ steht darauf – „und für den Sport“ möchte man als Ergänzung gerne mit dem Edding hinzufügen.

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