„Ich pfeife lieber die Gänsehautspiele“
Foto: Grundke
„Ey Schiri! Foul!“ Hüseyin Sahin lässt sich nicht beeinflussen. Mit seinen starken Leistungen ist der für Sünninghausen pfeifende Unparteiische nun in die Landesliga aufgestiegen
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Die Glocke: Sie arbeiten als Zahnarzt in einem Krankenhaus in Recklinghausen, studieren zudem Medizin und wollen als Schiedsrichter hoch hinaus. Wie schaffen Sie das alles? 

Hüseyin Sahin: Aber das macht doch alles Spaß. Die Pfeiferei ist perfekt, um von Beruf und Studium abzuschalten. Es macht mich jetzt auch stolz und stärkt mich, dass ich der erste Aufsteiger im Kreis Beckum seit zehn Jahren bin. Das wäre ohne die Hilfe und das Vertrauen meiner Schiedsrichter-Kameraden im Kreis nicht gelungen. 

Die Glocke: Haben Sie es nie mit Fußballspielen versucht? 

Sahin (lacht): Mein Onkel ist zwar der Vater von Profi Nuri Sahin, aber mein Talent war dennoch eher mäßig ausgeprägt. Da kann ich als Schiedsrichter eindeutig eine bessere Leistung erbringen.

 Die Glocke: Was fasziniert Sie denn so, dass Sie so viel Zeit investieren und so erfolgreich sind?

 Sahin: Es hat schon was, 22 Männer auf dem Platz immer im Griff zu haben. So anders wie die Spiele, sind auch die Leute mit ihren unterschiedlichen Mentalitäten. Ich pfeife lieber die hitzigen, die Gänsehautspiele, da kann man sich als erfahrenen Schiedsrichter auszeichnen. Dieser Reiz ist mein ewiger Motivator. 

Die Glocke: Hatten Sie denn schon mal Erfahrung mit Aggression auf und neben dem Platz? 

Sahin: Ich finde zwar die Aktionen des DFB zum Schutz der Unparteiischen wichtig, aber habe wenig Erfahrungen damit. Gut, beim A-Jugendturnier in Oelde letztes Jahr hat mich ein Mädchen mal böse beschimpft, weil ich ihrem Freund Rot gezeigt hatte (lacht). Aber das gehört dazu.

Reden hilft, um jeden Spielertypen abzuholen

Die Glocke: Was würden Sie jungen Kollegen raten? Was ist der häufigste Anfänger-Fehler der Schiedsrichter? 

Sahin: Die Kommunikation fehlt oft. Mann muss lernen, die Spieler da abzuholen, wo sie stehen. Heißt: Es gibt die Aggressiveren, aber auch die Ruhigen oder die Mitläufer. Diese Typen muss man erkennen und wissen, wie man mit ihnen redet. Wenn ich sonntags frei hab ... 

Die Glocke: Das kommt vor?

 Sahin (lächelt): Selten, aber manchmal gibt’s das auch. Also, dann seh’ ich junge Schiris, die wenig glücklich agieren. Der Fehler ist, dass sie gern sehr laut werden, um sich Respekt zu verschaffen. Ruhig, bestimmt und mit klarer Ansage ist immer besser. Ich bin da auch eher der Besonnene. 

Die Glocke: Bleibt man denn besonnen, wenn es etwa zu rassistischen Anfeindungen kommt? Sie haben ja nun auch einen Migrationshintergrund.

 Sahin: Wegen meines Namens? Ach, nein, ich habe bisher noch keine Probleme deshalb gehabt. Erstens sieht man mir das Türkische so schnell nicht an, zweitens wissen viele Zuschauer ja nicht mal, dass ich Sahin heiße und drittens ist der Name Sahin ja auch etabliert in Deutschland. Ich glaube, dass einige betroffenen Schiedsrichter auch Teilschuld tragen. Durch gutes, entschlossenes Auftreten werden Vorurteile gar nicht erst bedient. Es gibt türkische Mitbürger, die in einem Spiel mit mir auf Türkisch verhandeln wollen. Türkisch und Deutsch sind zwar meine Muttersprachen, aber so was mache ich gar nicht erst mit und antworte prinzipiell auf Deutsch. Alles andere würde einen schlechten Eindruck machen. 

Die Glocke: Neben Hendrik Rottkord sind sie der am höchsten pfeifende Unparteiische des Kreises. Ist ein Aufstieg so schwer?

 Sahin: Wenn man bedenkt, dass um die 50 Anwärter immer in Frage kommen, und nach acht Beobachtungsspielen entschieden wird, wer es schafft ... dann schon. Seit zehn Jahren war vom Kreis Beckum keiner dabei.

 Die Glocke: Und das nächste Ziel ist die Westfalenliga. 

Sahin: Ja, ich würde gerne den nächsten Schritt machen. Der Kreis-Schiedsrichterausschusses Beckum hat mich dankbarerweise im C-Kader nominiert. Jetzt muss ich nur noch die Leistung bringen. In einem bis eineinhalb Jahren ist auch meine Dissertation auf dem Weg. Vielleicht klappt’s ja mit Aufstieg und Doktortitel gleichzeitig. Das wär klasse.

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