Schach geht viral statt virulent zu sein
Schach-Boom im Internet: Gerade die Jüngsten nutzen gern das Angebot auf Spiele-Plattformen. Die Vereine folgen und verlagern ihre Angebote in Corona-Zeiten ebenfalls ins Netz.

Denn in Zeiten der Pandemie sagt man dem Schachsport nach, er sei der große Gewinner der Krise. Matt setzen im Netz ist ein absoluter Renner: Zu Weihnachten meldete die Plattform „Chess.com“ ihr fünfzigmillionstes Mitglied. Und mindestens einhundert Millionen Menschen haben die auf Netflix gestreamte Serie „Damengambit“ gesehen, in der die Schach-Karriere einer jungen Frau dramatisch thematisiert wird.

Aber reicht der Boom, um auch bei den Vereinen in der Region an anzukommen? Immerhin ist eines festzustellen: Wenigstens gibt es keinen Mitgliederschwund in Sendenhorst, Oelde, Beckum oder Ahlen.

 „Im Sommer 2020 haben wir noch Plexiglaswände auf dem Tisch aufgestellt, um die Spieler zu schützen. Die werden wohl erneut zum Einsatz kommen, sobald der Spielbetrieb weitergeht“, sagt der Vorsitzende des SV Ennigerloh-Oelde, Felix Eickenbusch. Bis es soweit ist, tummelt sich der Club entspannt im Internet, hat den Trainingsabend zu einem Online-Turnier umgewandelt, zu dem auch Gäste willkommen sind und organisiert Wettkämpfe für den Nachwuchs mit befreundeten Vereinen der Region.

Ähnlich hält auch der SC Sendenhorst seine Jünger bei der Stange. „Manchen ist das vielleicht zu unpersönlich“, weiß der Vorsitzende Ralf Westhues, dass nicht alle den Weg ins Netz mögen. Aber die Möglichkeiten sind einfach zu verführerisch. „Man trifft sogar alte Spieler von uns wieder, die einmal aktiv war“, freut sich Westhues. „Im Internet geht es rund, das ist wie Rosenmontag.“

Wie fast alle sind die Sendenhorster auf der kostenlosen Plattform „lichess.org“ unterwegs und haben den Augenkontakt mit einem Mausclick getauscht. Jugendtrainer Stefan Janz moderiert mit seinen 40 Jahren Erfahrung das Nachwuchstraining, und freitagabends treffen sich die Senioren zu einem Sieben-Runden-Turnier. Auch, wenn jetzt der große Andrang nicht stattfindet: Schach lebt und geht viral steil, statt virulent böse zu sein.

 „Ich hoffe, wir kommen aus dieser Krise ebenso unbeschadet raus, wie wir reingekommen sind“, ist Westhues optimistisch für die Zeit, wenn man wieder echte Figuren schieben kann und bei einem schönen Matt das Flackern im Auge des Gegners sehen kann.

Spielen ist mehr, als nur Tasten bedienen

 Auch der SV Ahlen braucht nicht unbedingt die 64 Felder auf einem Holzbrett, um das Vereinsleben lebendig zu halten. „Unsere Mitglieder sind jetzt viel im Netz unterwegs“, verrät der Vorsitzende Carsten Steinle, der auch die starke und gut vertretene Ahlener Jugend online trainiert.

„Die haben da schon Bock drauf , finden es aber schon besser, sich beim Spielen gegenüber zu sitzen.“ Geht aber gerade nicht, und so macht man das Beste daraus und schickt etwa die Großen als einer Vierer-Mannschaft in ein Liga-Turnier, das eben auch nur digital auf „Lichess“ funktioniert. „Da gibt es alles, Gegner jeder Stärke, Analysebretter, Aufgaben und Austausch“, ist Steinle – coronabedingt – recht zufrieden.

 Da müssen sie in Beckum erst noch hinkommen. Beim Club „Rochade“, immerhin noch Tabellenführer in der – abgebrochenen – Bezirksliga ist die Altersstruktur eher einseitig. Ohne Jugendliche im Verein bleiben noch elf Spieler übrig. Ihr Chef, Ernst Motz, sieht das gelassen.

 „Im Netz ist es schon interessant, keine Frage, aber das Soziale, das Menschliche bleibt dabei auf der Strecke. Schach ist Kultur, das ist mehr, als nur eine Taste zu bedienen“, kann Motz verstehen, dass gerade die reiferen Spieler ungern online ihren König ziehen. Wahre Schach-Romantiker brauchen eben immer noch ein echtes Holzbrett – trotz Maske.

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