„Vom Vorstand kam da viel zu wenig!“
„Natürlich stehe ich in der Verantwortung“, sagt Trainer Erdal Kaleoglu (38), behauptet aber auch, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Vorstand nicht möglich war. Was Co-Trainer William Mennie im Glocke-Interview bestätigt.

Die Glocke: Wenn nur wenige Tore zum Klassenerhalt fehlen, war der letzte Sonntag einer der schlimmsten Ihrer sportlichen Karriere, oder?

Erdal Kaleoglu: Es war knüppelhart und geht mir immer noch nicht aus dem Kopf. Wir sind alles so was von enttäuscht. Aber die Mannschaft hat wirklich alles gegeben, am Ende fehlte das Matchglück. Die Jungs waren von den Zitterspielen einfach ausgelaugt.

William Mennie: Ja, dass wir im entscheidenden Spiel versagt haben, lag tatsächlich daran, dass der Kopf nicht frei war. Sie wollten ja, haben es aber nicht durchsetzen können.

Die Glocke: Glauben Sie, dass die Offenen Briefe zwischen Team und Vorstand zur Verunsicherung beigetragen haben?

Kaleoglu: Mag sein, aber die Mannschaft hatte Gründe, sich zu äußern. Auch Partei zu ergreifen für ihre griechischen Mitspieler.

Die Glocke: Klaus Zumbült schreibt in seinem Antwortbrief, dass sich die griechischen Spieler ausdrücklich gegen den offenen Brief der Mannschaft verwehren.

Mennie: Ach, die hatten doch Angst, was zu sagen. Die Eltern haben die mal besucht und waren entsetzt, weil die tagelang nur von Dosennudeln gelebt haben.

Kaleoglu: Was glauben Sie, warum die schon vor drei Wochen Beckum verlassen haben? Nein, denen ging es gar nicht gut. Die haben gut bei uns angefangen und dann bei der Leistung heftig abgebaut. Da bin ich mal vorbeigefahren und hab mir deren Lebensbedingungen angeschaut. Die Wohnungen waren ok, aber die hatten keinen Ansprechpartner und fühlten sich sehr allein. Da hätte sich doch einer um sie kümmern müssen. Da hat eben die Mannschaft eingegriffen. Die Spieler haben dann unter sich viel selber geregelt, um denen zu helfen. Vom Vorstand kam da eindeutig viel zu wenig. Das stimmt schon.

„Diese Leute sind nicht fußballverrückt“

Die Glocke: Was heißt denn „die Mannschaft“? Waren es einige wenige Spieler, die den Offenen Brief verfasst haben, wie der Vorstand behautet, oder war es die Mehrheit des Teams?

Kaleoglu: Natürlich waren es rund 20 Spieler, die den Offenen Brief verantwortet haben, auch die Griechen standen ja dahinter, sind aber nicht in die Öffentlichkeit gegangen, weil sie Sorgen wegen der Konsequenzen hatten.

Mennie: Ich stehe immer noch voll und ganz hinter dem Inhalt dieses Briefes der Mannschaft. Die Glocke: Dort wird auch behauptet, dass der Vorstand zu selten oder gar nicht bei der Mannschaft war und sich nicht gekümmert hat.

Mennie: Natürlich waren auch mal welche aus dem erweiterten Vorstand dabei, aber um die geht es hier nicht. Auch während der Vorbereitung war nicht einmal ein Mitglied des Vorstandes bei uns. Das Problem ist, dass diese Leute nicht fußballverrückt genug sind. Ich erinnere mich noch gern an Diab Shalabi, der bei jedem Training vorbeigeschaut hat, der war wirklich fußballverrückt und machte den Jungs klar, dass ihm eben nicht alles egal ist.

 Kaleoglu: Es gab auch kein Gespräch mit der Mannschaft, nachdem der Offene Brief veröffentlicht worden ist. Hatten wir ja erwartet, dass da jemand nachfragt bei uns. Kam aber keiner. Also waren wir vom „Gegenbrief“ überrascht. Es wäre doch normal gewesen, dass mal einer nach dem „Warum“ fragt, auch, um die Probleme zu bereinigen.

Die Glocke: Apropos warum: Haben Sie nicht auch Fehler gemacht?

Kaleoglu: Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wir Trainer stehen bei der Verantwortung natürlich an erster Stelle und machen Fehler. Vielleicht hätten wir helfen müssen, um einigen jungen Spielern mehr den ungeheuren Druck zu nehmen. Wir sind alle nur Menschen ...

Die Glocke: In dem Antwortbrief war die Rede von einem Bus, den der Vorstand für Auswärtsfahrten zur Verfügung gestellt habe. Ist doch auch schon was.

Kaleoglu (lacht): Schon interessant, dass das der Vorstand für sich beansprucht. In Wirklichkeit hatten nur Willi (Mennie) und ich gesagt, dass es unprofessionell ist, in zwei Bullis zu fahren. Wir dachten: Da müssen wir was machen. Haben dann also in Eigenregie für die zusätzlichen 170 Euro Sponsoren gesucht und alles selbst in die Wege geleitet. Als dann alles geregelt war, hat der Vorsitzende nur abgenickt. Tja, und seitdem haben wir einen Bus.

Trainer-Duo fühlte sich allein gelassen

Die Glocke: Waren das schon frühe Anzeichen, weswegen Sie sich entschlossen haben, nicht mit der SV Beckum zu verlängern?

Kaleoglu: Nun, es gab zwischendurch auch Einmischungen, welche Spieler ich in die Reserve schicke und welche nicht.

Mennie: Ja, so was ging gar nicht. Das war sehr unprofessionell. Ich höre ja jetzt auf, weil ich nach so langer Zeit einfach mal müde bin. Aber glauben Sie, es macht Spaß, mit einem Vorstand zu arbeiten, der mir letzten Oktober vorgeworfen hatte, ich hätte mich zu wenig mit dem dann entlassenen Trainer Markus Klingen abgesprochen? Komisch, wir sind dreimal pro Woche zusammen ab Liesborn zum Training gefahren und zu jedem Meisterschaftsspiel und wir haben bestimmt nicht übers schöne Wetter gesprochen. Mangelnde Absprache? Davon stimmte nämlich rein gar nichts. Unverschämt. Ich bin ein Freund von Markus und wir wohnen im selben Dorf, das war pures Spießrutenlaufen für mich von da an. Schlimm war das. Nein, da bin ich echt sauer geworden.

Kaleoglu: Ich hatte nie das Gefühl, dass man mir Vertrauen entgegenbringt und immer Befürchtungen, auf der Kippe zu stehen. Zudem wurden im sportlichen Bereich vor meinem Amtsantritt Absprachen getroffen, die nicht eingehalten wurden. Wie soll ich dann überzeugt sein, dass mit diesem Vorstand eine gute Zusammenarbeit möglich ist?

Mennie: Da fühlt man sich in der Verantwortung alleingelassen. Auch mit den Spielern gab es ja keine Gespräche. Warum hauen wohl so viele ab?

Kaleoglu: Genau. Das ist ja eigentlich das Mindeste. Die Spieler wollen ja nicht wie die Könige behandelt werden, aber wenigstens mit Respekt, oder? Wenn es in Beckum nur um die Goldene Ananas gegangen wäre, hätt ich ja noch Verständnis. Aber zu dieser Zeit ging es noch brutal um jeden einzelnen Punkt. Und da hat allen die Rückendeckung gefehlt.

Die Glocke: Das ist ein niederschmetterndes Fazit. Bleibt denn gar nichts Gutes?

Kaleoglu: Oh, viel sogar. Wir hatten tolles Trainerteam, gute, bemühte Mitarbeiter, die mein volles Vertrauen hatten. Und klasse Fans, die hinter uns standen. Auch an all diese Menschen geht mein Dank. Ich bin gerne in Beckum Trainer gewesen. Schade, dass es so enden musste.

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