Mehr Freiheit durch Grundeinkommen



Ennigerloh (tiju) - Mehr Zeit und mehr Freiheit: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ermögliche das, sagt Prof. Sascha Liebermann im „Glocke“-Interview. Er hält am Dienstag, 4. Juni, einen Vortrag zum Thema im Hotel Hubertus, zu dem die GAL alle Interessierten einlädt.

Mehr Zeit für die Kinder: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ermögliche das, sagt Prof. Sascha Liebermann von der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Er hält am Dienstag, 4. Juni, ab 18 Uhr einen Vortrag im Hotel Hubertus in Ennigerloh. Die Grün-Alternative Liste lädt alle Interessierten zum Vortrag mit anschließender Diskussion ein.

„Die Glocke“: Angenommen das bedingungslose Grundeinkommen würde eingeführt: Was würde sich in Ihrem Leben ändern?

Liebermann: Ich bin angestellter Professor und nicht verbeamtet. Ich habe nicht diese Sicherheit, die man an öffentlichen Hochschulen hat. Das Grundeinkommen würde bedeuten, dass ich auf einen festen Sockel vertrauen kann, von dem ich – wie die gesamte Familie – nicht fallen kann. Ich würde überlegen, ob ich mir manche Zumutungen des Wissenschaftsbetriebs weiter gefallen ließe.

„Die Glocke“: Also würde Sie das Grundeinkommen freier machen?

Liebermann: Auf jeden Fall. Gerade wenn die Kinder klein sind, kann ich mir mehr Zeit für sie nehmen oder eine Zeit lang aussteigen, um zu erleben, wie sie aufwachsen. Jetzt ist es so, dass immer ein Elternteil erwerbstätig sein muss. Es ist schon fast eine privilegierte Situation, wenn nur einer erwerbstätig sein muss.

„Die Glocke“: Warum braucht Deutschland ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Liebermann: Wir leben in einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Diese vertraut auf die Mündigkeit der Bürger, also auf die Initiative, die sie ergreifen sollten. Wenn die Bürger das nicht machen, kann das Gemeinwesen dagegen nichts unternehmen. Engagement kann nicht erzwungen werden, ohne die eigenen Grundfesten infrage zu stellen. Ein Grundeinkommen würde anerkennen, dass die Bürger das Fundament des Gemeinwesens sind. Sie benötigen eine Sicherheit, von der aus sie sich für das Gemeinwesen oder für andere Aufgaben engagieren können. In Diskussionen heißt es teilweise, dass der Wohlstand, über den wir verfügen, sich nur daran bemisst, dass es auf der einen Seite Erwerbstätige gibt, die die anderen versorgen. Dabei leisten alle einen Beitrag. Die unbezahlte Arbeit ist der größte Teil des Zeitvolumens in Deutschland. Das Grundeinkommen wäre eine Art pauschalierter Anteil am erreichten Wohlstand, ein vorbehaltloser.

Leistungsantrieb unabhängig vom Verdienst

„Die Glocke“: Sinkt durch das Grundeinkommen die Motivation der Arbeitnehmer?

Liebermann: Wir meinen, dass Leistung entsteht, wenn wir Geld verdienen müssen – das ist ein verbreitetes Vorurteil. Leistung entsteht aber am besten dann, wenn man sich mit einer Aufgabe auseinandersetzen muss. Wenn man ihr einen Sinn abgewinnen kann und dazu einen guten Beitrag leisten möchte. Gute Beiträge kann ich nur leisten, wenn ich das möchte und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringe, ganz gleich in welchem Bereich. Das ist keine Garantie, aber dann kann es gelingen. Eine andere und davon unabhängige Dimension ist die Einkommenserzielung. Das soll heute nur beziehungsweise vorrangig über Erwerbstätigkeit geschehen. Wir machen den Fehler in der öffentlichen Diskussion und auch in einigen Theorien, indem wir die Notwendigkeit, Einkommen zu erzielen, gleichsetzen mit dem Leistungsethos. Das ist ein Missverständnis. Leistungsbereitschaft ist gegenüber der Einkommenserzielung eine unabhängige Dimension. Das Grundeinkommen sorgt dafür, dass sich diese eigenständige Dimension der Leistungsentstehung noch deutlicher zeigen kann. Und wenn man dann ein zusätzliches Einkommen erzielt, umso besser.

Chance, die richtigen Arbeitnehmer zu finden, erhöht sich

„Die Glocke“: Welche Chancen bietet ein bedingungsloses Grundeinkommen für Unternehmen?

Liebermann: Ich glaube, dass Unternehmen Mitarbeiter anders rekrutieren würden. Sie müssten davon ausgehen, dass sich mögliche Mitarbeiter unter anderen Bedingungen bewerben und anders verhandeln könnten, wenn niemand mehr ein Einkommen durch Arbeit erzielen muss, aber darüber hinaus eines erzielen möchte. Aufgrund des Einkommensausfalls kann sich heute kein Arbeitnehmer auf Dauer leisten, ein Erwerbsangebot auszuschlagen. Die Unternehmen tun sich aber keinen Gefallen damit, irgendwelche Kräfte zu rekrutieren. Sie brauchen Leute, die zur Aufgabe passen. Ich würde das Grundeinkommen für einen enormen Schritt dahingehend betrachten, die Chancen dafür zu maximieren, die richtigen Leute für die richtige Aufgabe zu finden.

„Die Glocke“: Hätte der Arbeitgeber nicht eher die Chance, die Löhne zu drücken?

Liebermann: Sie verhandeln mit dem Unternehmen über die Arbeitsbedingungen und den Lohn. Man muss sich in der Mitte treffen. Das ist mit einem Grundeinkommen nicht anders, wenngleich mit einer anderen Machtverteilung als heute.

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