Porträts, die unter die Haut gehen



Wadersloh (mag) - Das Wort Flüchtlingskrise würde sie am liebsten aus allen Medien streichen. Schließlich habe man es nicht mit einer Krise der Flüchtlinge, sondern der Politik zu tun. Die Aufnahme von Flüchtlingen sei schließlich eine völkerrechtliche Selbstverständlichkeit.

Stürmt ins Bild, mit all seinen Träumen und Ängsten: Das Mädchen auf dem Foto hat schnell Anschluss gefunden. Sie spielt begeistert Fußball.

Mit engagierten Aussagen wie dieser hat Christina Felschen bei ihrer Ausstellungseröffnung im Wadersloher Rathaus zum Nachdenken angeregt. Dabei war sie persönlich gar nicht vor Ort. Per „Skype“ zugeschaltet grüßte sie Familie und Besucher in ihrer Heimat Wadersloh. Dort ist die Journalistin und Fotografin aufgewachsen, sie lebt derzeit aber in Kalifornien. „Weit weg und doch so nah dran.“ So schilderte sie ihre Situation im Interview mit Bürgermeister Christian Thegelkamp.

Wer einen Blick auf die Fotos und Reportagen ihrer Ausstellung wirft, weiß, wovon sie spricht. Ihren dreiwöchigen Aufenthalt in der Weihnachtszeit in Wadersloh nutzte sie, um 33 Flüchtlinge kennenzulernen, ihnen nahe zu kommen und sie zu porträtieren. Daraus entstand die Ausstellung „...und plötzlich Stille“, die am Mittwoch eröffnet worden ist.

Die privaten Einblicke hinterlassen Eindruck. Sie zeigen, dass sich hinter jeder nackten Zahl in der täglichen Berichterstattung über Flüchtlinge ein dramatisches Einzelschicksal verbirgt. Dieses zu schildern, war dank der Kooperation mit der Wadersloher Flüchtlingshilfe möglich. Ziel war es, alle Ortsteile abzudecken und möglichst viele Nationalitäten einzubeziehen. Und das immer unter der Prämisse, die Menschen durch die Berichterstattung nicht zu gefährden. Zukunftsträume stehen Albträumen von Krieg, Flucht und Verfolgung gegenüber.

Bei der Recherche entstanden „magische Momente“ aus dem Nichts. Als etwa eine 90-jährige Wadersloherin ihren Kopf zur Tür hereinsteckte und den Flüchtlingen Apfelkuchen vorbeibrachte. Die revanchierten sich prompt mit selbstgemachtem Hummus. Stilsicher schildert Christina Felschen diese besonderen Begegnungen in ihren Reportagen. Genauso mitreißend sind die Fotos: Auf einem stürmt ein Mädchen namens Kainat voller Lebensfreude mit einem Fußball am Fuß ins Bild. Ein anderes zeigt mehrere Männer, die im stillen Protest auf ihre Hände geschrieben haben, wie viele Monate sie schon auf den zweiten Schritt im Asylverfahren warten. Genau das ist es, was Christina Felschen als Krise der Politik bezeichnet.

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