Anwälte werfen Ex-SS-Mann fehlende Reue vor
Der Auschwitz-Überlebende Mordechai Eldar (l.) unterhält sich im Verhandlungssaal in Detmold mit seinem Anwalt Thomas Walther. Im Auschwitz-Prozess vor dem Landgericht warf Walther am Freitag dem angeklagten früheren SS-Mann Reinhold H. Unglaubwürdigkeit vor.

 „Aus der Sicht der Nebenkläger wird der Versuch unternommen, sich mit untauglichen Mitteln aus jeglicher Verantwortung heraus zu reden“, sagte Walther. Der Rechtsanwalt vertritt fast die Hälfte 57 Überlebenden und Angehörigen von Holocaust-Opfern, die im Prozess Nebenkläger sind.

In einem knapp eineinhalbstündigen Vortrag appellierte Walther immer wieder an den Angeklagten, sich seiner Verantwortung zu stellen. Er solle sich nicht als Unglücksfall darstellen, der ohne eigenes Zutun nach Auschwitz kam, „um dort als unbeteiligter Zaungast zuzuschauen“, forderte Walther.

Der 94-jährige Angeklagte hatte seit Beginn des Prozesses im Februar die meiste Zeit geschwiegen und die Blicke der zahlreichen Auschwitz-Überlebenden im Zeugenstand gemieden. Schließlich hatte er über seine Anwälte angegeben, von anderen zur SS gedrängt und nur wegen einer Kriegsverletzung in Auschwitz eingesetzt worden zu sein.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mordbeihilfe in weit mehr als 100.000 Fällen vor und fordert sechs Jahre Haft. H. habe als Wachmann der SS am Vernichtungszweck des Lagers mitgewirkt.

Als SS-Unteroffizier Schlüsselfunktion gehabt

Als weiterer Nebenkläger-Vertreter ergriff am Freitag Cornelius Nestler das Wort. Er lobte die Anklage, weil sie endlich eine Selbstverständlichkeit anerkenne: Wachleute, die ein auf die Tötung von Menschen ausgerichtetes System absicherten, seien am Massenmord beteiligt gewesen. Dieser Auffassung war die Justiz jahrzehntelang nicht gefolgt, hatte Verfahren eingestellt oder erst gar nicht ermittelt.

Nestler hob hervor, Reinhold H. sei kein einfacher Befehlsempfänger gewesen. Als SS-Unteroffizier habe er eine Schlüsselfunktion gehabt - „mit umfassender Kenntnis der Abläufe der Vernichtung, mit besonderer Befehlsgewalt, mit besonderem Vertrauensverhältnis zur Kompanieführung“. Weil der Angeklagte genau gewusst habe, dass seine Tätigkeit dazu diene, das Morden möglich zu machen, sieht Nestler das Verhalten des Angeklagten gar im Grenzbereich zur Mittäterschaft, nicht der bloßen Beihilfe.

Am kommenden Prozesstag werden weitere Nebenkläger-Vertreter plädieren. Auch die Verteidiger erhalten noch das Wort. Das Gericht hat zunächst drei weitere Termine angesetzt.

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