Auschwitz-Prozess: Angeklagter schweigt
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Der frühere Auschwitz-Wachmann Reinhold H. muss sich vor dem Landgericht Detmold wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 verantworten. Am Freitag schwieg er - im Rollstuhl sitzend - erneut zu den Vorwürfen.
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Der frühere SS-Unterscharführer aus Lage ist angeklagt, als Auschwitz-Wachmann Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen geleistet zu haben. In einer Vernehmung vor dem Prozess hatte er eingeräumt, in dem Vernichtungslager tätig gewesen zu sein, aber eine Beteiligung an Tötungshandlungen bestritten.

Als erste Zeugin war am Freitag erneut die 85 Jahre alte Irene Weiss in den Zeugenstand gerufen worden. Die aus Ungarn stammende Jüdin, die jetzt in den USA lebt, hatte bereits am Donnerstag geschildert, wie sie an der Rampe von Eltern und Geschwistern getrennt worden war. Von der Familie überlebten nur sie und ihre Schwester.

Später hatte sie sich selbst und ihre Familie auf Fotoaufnahmen aus dem KZ wiederentdeckt. „Meine Familie zu sehen, wie sie auf dem Weg in die Gaskammer ist, ist für mich verstörend“, sagte sie zu den im Saal an die Wand geworfenen Bildern.

Schreiende Kinder, weinende Frauen, schlagende SS-Soldaten

Wie sehr ihn die Erfahrungen aus Auschwitz bis heute in seinen Alpträumen und Erinnerungen verfolgen, schilderte auch der 85-Jährige William Glied. Der in Serbien geborene jüdische Kanadier war als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert worden. Die Ankunft an der Rampe des Konzentrationslagers blieb ihm als Chaos voller Brutalität in Erinnerung: Er berichte von schreienden Kindern, weinenden Frauen, schlagenden SS-Soldaten.

Am schlimmsten sei die Willkür der Selektion gewesen, wenn die Arbeitsfähigen von jenen getrennt wurden, die in die Gaskammern getrieben werden sollten: „Diese herzlosen Mörder entschieden mit einem Fingerschnippen, wer leben durfte und wer sterben musste.“ Eingeprägt habe sich auch das Gefühl der Erniedrigung, als sein Vater von einem SS-Mann geschlagen und beschimpft wurde, weil er die Mütze nicht abgenommen hatte. Zu sehen, wie sich sein Vater demütig entschuldigte, sei eine schlimme Erfahrung gewesen, die er immer mit sich tragen werde.

Als weiterer Zeuge sagte am Freitag der Israeli Mordechai Eldar aus. Eindrücklich schilderte er die Gewalttätigkeit der zu Aufsehern gemachten Blockältesten unter den Gefangenen. Sie hätten die Häftlinge bei jeder Gelegenheit drangsaliert, geschlagen, gequält oder getötet. Er sprach von sexuellem Missbrauch an Kindern sowie Schaukämpfen zwischen Gefangenen.

Die Verhandlung wird am 26. Februar fortgesetzt. Auf der Zeugenliste stehen weitere Nebenkläger, die über ihr Schicksal oder das ihrer Angehörigen berichten sollen. Aus Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Angeklagten ist jeder Prozesstag auf zwei Stunden begrenzt.

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