Bei Anti-Missbrauchsgipfel Chance vertan
Bild: dpa
Michael Seewald, Theologie-Professor für Dogmatik an der Universität Münster, hatte sich konkretere Ergebnisse vom Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan erhofft.
Bild: dpa

 Sie sollte vielmehr die Menschen in den Blick nehmen, denen durch Männer der Kirche großes Leid angetan worden sei.  Er kritisierte auch, dass bei dem Gipfel eine Chance vertan worden sei, konkrete Regeln aufzustellen - etwa zum Thema Machtkontrolle. „Jetzt liegt der Ball wieder im Feld der nationalen Bischofskonferenzen, die mit dem Thema sehr unterschiedlich umgehen“, erklärte Seewald. Papst Franziskus hatte am Sonntag zum Abschluss der Konferenz im Vatikan zwar ein Ende der Vertuschung versprochen, aber keine konkreten Schritte genannt, wie er das in Zukunft erreichen will.

Keine konkreten Maßnahmen

Trotz der klaren Worte reagierten Opferverbände enttäuscht. Am Montag wollen die Organisatoren der Konferenz noch mal mit Vertretern der Römischen Kurie zusammenkommen, um zu bestimmen, was nun mit den Vorschlägen und Ideen aus den vergangenen Tagen geschehen soll. Nach Einschätzung von Seewald konnte man am Sonntag merken, dass der Papst zwischen den Stühlen sitzt. „Entsprechend uneindeutig und konfus“ sei seine Schlussansprache am Sonntag gewesen. „Der Papst benennt einerseits Machtmissbrauch und Klerikalismus als Ursachen für sexualisierte Gewalt in der Kirche. Andererseits spiritualisiert er aber auch die Ursachen des Missbrauchs“, sagte Seewald. Wer schlicht auf das „Geheimnis des Bösen“ verweise, laufe Gefahr, die konkreten Taten und ihre strukturellen Gründe aus dem Blick zu verlieren.

Im Ergebnis enttäuschend

Das Ergebnis des Treffens sei insgesamt enttäuschend, sagte Seewald. Positiv sei zu werten, dass das Thema Missbrauch vom Papst überhaupt auf die Agenda der Weltkirche gesetzt worden sei - immerhin gebe es immer noch Länder, in denen Bischöfe behaupteten, sexualisierte Gewalt an Minderjährigen sei ein Problem, das sie gar nicht hätten. „Diese Verweigerungshaltung ist nun zumindest ein kleines Stück weit gebrochen“, sagte Seewald. Nötig wären aber handfeste Regelungen gewesen, auf die der Papst die Bischöfe in aller Welt verbindlich verpflichtet. „Die Kirche bräuchte konkrete Regelungen, die zum Beispiel festlegen, was mit einem Bischof geschieht, der Täter gedeckt oder Akten vernichtet hat.“ Von effektiver Machtkontrolle sei in der Ansprache von Franziskus aber keine Rede gewesen.

Warten auf Taten

Der Vatikan hatte am Sonntag nach dem Ende der Konferenz angekündigt, dass der Papst bald konkrete Anweisungen veröffentlichen will, die Maßnahmen im Kampf gegen Missbrauch seitens der römischen Kurie und des Vatikanstaats stärken sollen. Die Frage sei, warum der Papst ein Dekret (Motu proprio) nur für den Vatikanstaat und nicht die ganze Kirche erlasse, sagte Vatikan-Autor Marco Politi der dpa. Für die Bischöfe in aller Welt soll es zudem eine Art Praxishandbuch geben, das ihnen erklärt, welche Pflichten und Aufgaben sie haben. „Das Problem der Weltkirche ist, dass 90 Prozent der Bischöfe (bisher) nichts getan haben“, so Politi. Deutschland sei in dieser Sicht „in der Spitzengruppe der Reformer“.

SOCIAL BOOKMARKS