Bielefelder Knopfhersteller wird 100
Bild: Hache
Keine Generation kommt am Knopf vorbei: Während Sabine Vogt zuschaut, mit welcher Fingerfertigkeit Großmutter Magdalena Gückel einen Knopf annäht, präsentieren ihre Kinder Luca (11) und Leandro (7) in Salzkotten ihre kleine Knopfsammlung.
Bild: Hache

 „Die Glocke“: Oft sind die Knöpfe an neuen Kleidungsstücken lose. Woran liegt’s: am Festnähen oder am Knopf?
Dolleschel: Meistens sind die Knöpfe zu schlecht angenäht. Ein schlecht gemachter Knopf neigt aber auch schneller zum Abfallen, da er oft scharfe Kanten hat.

„Die Glocke“: Knöpfe finden auf den ersten Blick nur wenig Beachtung. Stört Sie das?
Dolleschel: Man nimmt den Knopf zwar nicht im Detail wahr. Aber im Unterbewusstsein und für das Gesamtbild ist er entscheidend. Wir Ostwestfalen arbeiten eben gerne im Verborgenen. Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Mäntel zur Auswahl, gleicher Schnitt, gleicher Stoff, gleiche Farbe. An dem einen ist ein schöner großer weicher Knopf, an dem anderen ein kleiner mit rauer Oberfläche. Da ist klar, wofür sie sich entscheiden.

„Die Glocke“: Wie haben sich Knöpfe in den vergangenen 100 Jahren verändert?
Dolleschel: Ein Knopf verändert sich mit der Mode. Früher hatte man einen Arbeitskittel und einen Gehrock für sonntags. Heute surfen wir, wandern, gehen in die Stadt und abends auf Bälle. Durch diese Anlässe muss der Knopf heute viel mehr aushalten, zum Beispiel wenn Jeans geblichen werden. Früher wurden die Kleider per Hand mit Wasser und Seife gewaschen, heute läuft das maschinell und die Waschpulver stecken voller Chemikalien.

Martin Dolleschel
„Die Glocke“: Ihr Unternehmen produziert jedes Jahr mindestens tausend verschiedene Knöpfe. Können Sie die überhaupt noch von denen anderer Firmen unterscheiden?
Dolleschel: Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Ich erkenne unsere Knöpfe über die Formgebung und das Material – nicht immer auf den ersten Blick, aber ich kann es fühlen. Zudem ist auf unseren Knöpfen als Markenzeichen ein „U“ im Kreis abgebildet.

„Die Glocke“: Apropos Markenzeichen. Haben Sie Probleme mit Plagiaten?
Dolleschel: Ja, das trifft uns schon hart. Unsere Kreationen sind geistiges Eigentum. Ich vermisse bei den Nachahmern das Unrechtsbewusstsein.

„Die Glocke“: Sind Reißverschluss und Klettband ernstzunehmende Konkurrenten für den Knopf?
Dolleschel: Klettverschlüsse sind unpraktisch, weil man mit anderen Kleidungsstücken oft daran hängen bleibt und sie dabei kaputt gehen können. Ein Reißverschluss ist funktionell und gut geeignet für Outdoorjacken, zum Beispiel fürs Fahrradfahren. Aber überall, wo ich eine Silhouette forme, ist der Knopf von Vorteil. Wenn es um Mode und  Schönheit geht, ist der Knopf konkurrenzlos.

„Die Glocke“: Welche Eigenschaften muss ein Knopf haben, damit er Ihnen persönlich gefällt?
Dolleschel:
Er muss perfekt gefertigt sein. Wenn man mit der Fingerkuppe über einen Knopf streicht und merkt, wie es kribbelt, dann ist es ein guter Knopf. Und er muss beim Schließen gut durch die Wolle flutschen. Ich mag Echthorn sehr gerne. Obwohl es glatt ist, ist es weich und griffig.

„Eine verdeckte Knopfleiste kommt mir nicht ins Haus“

„Die Glocke“: Ein Zahnarzt schaut bei Menschen zuerst auf die Zähne, der Friseur auf die Haare. Wo schauen Sie zuerst hin?
Dolleschel: Natürlich schau ich auf die Knöpfe. Aber auch auf die Silhouette und die Kleidung. Über den Knopf kann ich den Preis eines Kleidungsstückes einschätzen, sehen, ob jemand Wert auf sein Äußeres legt und ob er mit der Mode geht.

Das Familienunternehmen Union Knopf GmbH wurde 1911 in Berlin gegründet und ist Anfang der 1950er-Jahre nach Bielefeld-Sennestadt umgesiedelt. Mit weltweit 900 Mitarbeitern – davon 300 in Bielefeld – entwickelt, produziert und vertreibt der nach eigenen Angaben europäische Marktführer Bekleidungsverschlüsse sowie Griffe und Knöpfe für Möbel. Zweimal im Jahr wird eine neue Kollektion mit jeweils 500 verschiedenen Knöpfen aufgelegt. Beliefert werden nach Angaben von Geschäftsführer Martin Dolleschel „alle wichtigen Bekleidungshersteller in Europa“.

„Die Glocke“: Worauf achten Sie, wenn Sie Kleidung kaufen?
Dolleschel: Mir kommt auf jeden Fall keine verdeckte Knopfleiste ins Haus. Ich schaue mir immer zuerst die Ärmel an. Wenn mir da der Knopf nicht gefällt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich das Teil kaufe. Wenn Verkäufer nach dem Grund fragen, kann ich immer noch sagen: Da ist ein schlechter Knopf dran. Die schauen dann etwas verwundert.

„Die Glocke“: Was war Ihr größter Erfolg in Sachen Knopf?
Dolleschel: Ich war Ende der 90er-Jahre mit meinem Vater in Skandinavien auf einem Flohmarkt. Dort haben wir einen alten Knopf mit einem Anker darauf gekauft, der ziemlich abgegriffen war. Wir haben ihn in seinem Zustand nachempfunden und hatten richtig Erfolg damit.

„Die Glocke“: Haben Sie nicht eben noch Nachahmer verurteilt?
Dolleschel: Wir haben diesen Knopf modern übersetzt. Im Gegensatz zum Original haben wir einen Knopf mit einem abgegriffenen Anker produziert. Der wiederum wurde dann kopiert und das ist ein Plagiat.

„Die Glocke“: Es gibt Witze über Ostfriesen und Trabanten. Kennen Sie einen Knopfwitz?
Dolleschel: Gute Frage. Aber wir machen keine Witze über Knöpfe.

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