Buchholz fordert Wende zugunsten der Sparer

Es sind deutliche Worte, die Prof. Dr. Liane Buchholz findet: „Ich finde, es reicht“, sagt die Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe gestern bei der Jahres-Pressekonferenz in Münster. Der Staat sei der große Profiteur der Niedrigzinsen. Nach Berechnungen der Bundesbank haben Bund, Länder und Gemeinden seit 2008 bei ihrem Schuldendienst 436 Milliarden Euro gespart – nur wegen niedriger Zinsen. Die andere Seite der Medaille: „In den vergangenen Jahren haben deutsche Sparer 530 Milliarden Euro verloren“, sagt Buchholz.

„Unding“:Dreifache Steuer auf Aktien

Das Thema treibt die Bankerin um. Es sei „ein Unding“, wettert Buchholz, dass den Sparer als alternative Anlageform der Kauf von Aktien empfohlen werde – und diese Anlageform postwendend dreifach besteuert werde: Neben der pauschalen Abschlagsteuer in Höhe von 25 Prozent und dem Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent wünsche sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) eine Transaktionssteuer, mit der das Finanzamt an jedem Aktienerwerb 0,2 Prozent verdient. „Das klingt nach wenig, macht aber das Arbeiten mit Aktien im Depot teuer.“

Aktienkultur fördern

Buchholz fordert die Politik auf, das Sparen zu erleichtern und zu entlasten. Man könne etwa Sparer mit Steuerfreiheit belohnen, wenn sie Aktien oder Anleihen länger hielten und dann mit Gewinn verkauften. „Generell sollte die Aktienkultur in Deutschland gefördert werden.“ Zusätzlich sinnvoll sei eine modernisierte Arbeitnehmersparzulage für das Wertpapiersparen. Buchholz’ Forderung: „Sparen muss sich endlich wieder für den Sparer lohnen – und nicht ausschließlich für den Staat.“

Als „lächerlich“ bewertete die Sparkassenpräsidentin den Vorschlag des Bundesfinanzministers, den Sparer-Pauschbetrag um 50 Euro auf 851 Euro zu erhöhen. Die Entlastung betrage bundesweit 220 Millionen Euro. Ein zu vernachlässigender Betrag angesichts der vielen Milliarden, die Sparer durch den Nullzins verlören.

Inflationsrate neu berechnen

Kritik äußerte Buchholz an der Berechnung der Inflationsrate für die EU-Länder. Ausgerechnet die massiv gestiegenen Preise für Wohneigentum werden bei der Festlegung der Inflationshöhe nicht berücksichtigt. Würde die Europäische Zentralbank (EZB) diese Preise beachten, sei das Inflationsziel von 2 Prozent längst erreicht. Die EZB könnte damit ihre Null- und Negativzinspolitik beenden.

Sparkassen legen zu

Die 58 Sparkassen in Westfalen-Lippe haben im vergangenen Jahr in vielen Geschäftsbereichen deutlich zugelegt: Der Bestand an Kundenkrediten erreicht insgesamt einen Wert von 97,5 Milliarden Euro (+4,2 Prozent). Auch bei den Einlagen legten sie zu – um 4,6 Prozent auf 103,6 Milliarden Euro.

Vermögensbildung in Rekordhöhe

Die Geldvermögensbildung – also das, was die Privatkunden neu auf Sparkonten, in Wertpapieren, Bausparverträgen und Lebensversicherungen angelegt haben – stieg im Jahr 2019 um 17 Prozent auf eine neue Höchstmarke von 5,1 Milliarden Euro. „Die Menschen verfügen durch Tariflohnerhöhungen über höhere Einkommen – und sie wissen um die Notwendigkeit von Sparen, Vermögensaufbau und Altersvorsorge“, erklärte Jürgen Wannhoff, Vizepräsident des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe. „Allerdings liegen 4,5 Milliarden Euro dieses neu gebildeten Vermögens auf Girokonten oder Tagesgeldern. Zinsen bringt das jedoch keine mehr.“

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