Erbgut des Ehec-Erregers entziffert
Die Zahl der Ehec-Infizierten steigt weiter an.

Experten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben mit Hilfe chinesischer Kollegen das Genom des grassierenden Erregers gelesen. Bakteriologe Holger Rohde sagte am Donnerstag: „Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen.“ Allem Anschein nach haben dafür zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht. In der Summe entstand ein Escherichia coli (E. coli)-Bakterium, welches das Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS) auslösen kann, erläuterte Rohde.

Etwa 80 Prozent - Rohde spricht vom „Mutterschiff“ - stammten vom E. coli-Stamm O104. Die übrigen 20 Prozent wurden von einem anderen Bakterium übernommenen. In diesem Teil des Genoms sind Erbanlagen zur Produktion des gefährlichen Shigella-Toxins, das den Patienten Probleme bereitet.

Lage nach wie vor angespannt

Eine 81 Jahre alte Frau starb in der Nacht zum Donnerstag im UKE an den Folgen der Infektion, sagte Nierenspezialist Prof. Rolf Stahl. Im besonders betroffenen Hamburg ist es der dritte Todesfall. Rund drei Wochen nach dem Auftreten der ersten Ehec-Fälle gibt es dort wie anderswo keine Entwarnung. „Bei uns ist die Lage nach wie vor angespannt. Der Trend, den wir Anfang der Woche erhofft hatten, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurückgeht, hat sich leider nicht bestätigt“, sagte Prof. Jörg Debatin, Vorstandschef des Universitätsklinikums. 

In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten Ehec-Infektionen und Verdachtsfälle derzeit bei rund 2000. Auch am federführenden HUS-Labor in Münster wird weiter mit Hochdruck daran gearbeitet, das Erbgut des Erregers zu sequenzieren und zu deuten. Mit Ergebnissen sei in Kürze zu rechnen, sagte ein Sprecher.

Russland verhängt Import-Stopp für Gemüse aus der EU

Russland hat wegen der Gefahr durch den Darmkeim Ehec das Importverbot für Gemüse auf die gesamte Europäische Union ausgeweitet. Bisher galt das Einfuhrverbot nur für frisches Gemüse aus Deutschland und Spanien. Grund für die Verschärfung sei die andauernde Ausbreitung des Darmkeims, sagte Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko nach Angaben der Agentur Interfax am Donnerstag. Der Zoll sei angewiesen, kein frisches Gemüse mehr über die Grenzen zu lassen. Alle verdächtigen Waren seien zudem aus dem Handel zu nehmen, sagte Onischtschenko.

Die EU-Kommission hat das russische Einfuhrverbot als „unverhältnismäßig“ kritisiert. Die Entscheidung Moskaus stößt in Brüssel auf Unverständnis, weil die EU erst am Vorabend nach neuen Testergebnissen die europaweite Warnung vor spanischen Gurken aufgehoben hatte. Der Warnhinweis im europäischen Schnellwarnsystem wurde entfernt, weil das spanische Gemüse nachweislich nicht verantwortlich für den Ausbruch von Ehec sei.

Sonnleitner fordert Entschädigung für Bauern

Wegen Millioneneinbußen durch die Angst der Verbraucher vor dem Darmkeim Ehec hat der Bauernverband Entschädigungen für die betroffenen Bauern gefordert. „Den Gemüsebauern muss geholfen werden“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner. Die befürchteten Einbußen der Bauern bezifferte er mit wöchentlich „rund 30 Millionen Euro“. Viele Betriebe stünden vor dem Ruin. Sonnleitner forderte die Bundesregierung und die EU auf, den Gemüsebauern mit kurzfristigen finanziellen Kompensationen unter die Arme zu greifen.

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