Finanzielle Spielräume oft überschätzt
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Mahnungsschreiben und Zahlungsaufforderungen der Inkasso-Unternehmen warten etliche Verbraucher ab, ehe sie fällige Rechnungen begleichen. Das haben die Creditreform-Regionalbüros in Ostwestfalen-Lippe und im Münsterland erneut festgestellt.
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Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat im Jahr 2018 in beiden Regionen sogar mehr überschuldete Privatpersonen gezählt. 

Die Ursache dafür, dass im Vorjahresvergleich 1424 Erwachsene mehr in OWL fällige Rechnungen nicht mehr begleichen konnten, weil die Rücklagen aufgezehrt waren und die Banken keine Kredite gewährten, lag nach den Analysen des Inkasso-Dienstleisters vorrangig an dem unangemessenen Konsumverhalten vieler Bürger – „und weniger an Arbeitslosigkeit oder gescheiterter Selbstständigkeit“, erläuterte der Bielefelder Creditreform-Geschäftsführer Udo Roggenbuck gestern auf einer Pressekonferenz der vier OWL-Büros.

Verbraucher erlägen allzu häufig den Verlockungen vermeintlicher Schnäppchen-Angebote und überschätzten dabei ihre finanziellen Spielräume. Ob das Smartphone mit langer Vertragsbindung oder das Abonnement für einen Streamingdienst – „manchmal sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die in die Überschuldung führen“, ergänzte Dirk Schott von Creditreform in Gütersloh. Stark steigende Kosten für die Miete und persönliche Schicksalsschläge hätten ebenso dazu geführt, dass die Einnahmen mit den Ausgaben nicht mehr Schritt halten können.

In OWL lässt „sorgloser Umgang mit Geld Zahl der Schuldner nicht sinken“

Der allzu sorglose Umgang mit Geld sei ein Grund dafür, dass die Zahl der Menschen, die in den amtlichen Schuldnerverzeichnissen geführt werden, in die Privatinsolvenz rutschen oder bei denen sich laut Roggenbuck „unbezahlte Rechnungen auf dem Küchentisch stapeln“, in Ostwestfalen-Lippe nicht sinkt. Beinahe jeder zehnte Bürger über 18 Jahren gilt in Bielefeld und den fünf OWL-Kreisen als überschuldet: 168.143 Personen nach 166.719 im Jahr zuvor.

Die Schuldnerquote liege aber mit 9,94 Prozent zum sechsten Mal in Folge leicht unter dem bundesdeutschen Schnitt von 10,04 Prozent und deutlich unter dem noch schlechteren Wert für NRW: Das bevölkerungsreichste Bundesland rangiert mit 11,69 Prozent nur noch vor Berlin, Sachsen-Anhalt und Schlusslicht Bremen.

Im Münsterland sind „mehr Menschen dem ganz tiefen Schuldensumpf entstiegen“

Eine bessere Schuldnerquote als Ostwestfalen-Lippe weist das Münsterland aus. Beinahe jeder zwölfte Bürger über 18 Jahren gilt in Münster und den vier umliegenden Landkreisen als überschuldet: 113.783 Personen nach 113.020 im Jahr zuvor. Die Schuldnerquote liege aber mit 8,52 Prozent zum wiederholten Male deutlich unter den Werten für Bund und Land.

Weil niedrige Sparzinsen vielen Menschen eine Kapitalanlage als nicht lohnenswert erscheinen ließe, steckten diese ihr Geld in den Konsum. Die „unwirtschaftliche Haushaltsführung bildet oft den Einstieg in eine Überschuldungsspirale“, heißt es in einer Mitteilung des Münsteraner Creditreform-Büros. Das erkläre den Anstieg von nicht ganz so arg gebeutelten Schuldnern mit „weichen Negativmerkmalen“ um 1868 auf 50.220 Fälle im Münsterland. In diese Rubrik fallen säumige Personen, die bei gleich mehreren Gläubigern offene Rechnungen noch nicht beglichen und trotz Mahnschreiben immer noch nicht gezahlt haben.

Die Zahl der Schuldner mit „harten Negativmerkmalen“ sank hingegen im Münsterland um 1105 auf 63.563 Fälle. Kurzum: Diese 1105 Männer und Frauen, die wegen ihrer Überschuldung bereits ein Fall für die Juristen geworden waren, sind laut Creditreform „dem ganz tiefen Schuldensumpf entstiegen“.

Mit Sondertilgungen gegen steigende Kreditzinsen wappnen

Mit Entspannung bei der Überschuldung rechnet der Gütersloher Finanzfachmann Schott nicht. Im Gegenteil: Wenn die Zinsen für Immobiliendarlehen erst wieder anziehen, könnte das bei jenen Hausbesitzern zu Finanzlücken führen, „die Zins und Tilgung für ihr Eigenheim knapp am Budget kalkuliert“ und dann eine teurere Anschlussfinanzierung zu stemmen hätten. Schott rät, „zu tilgen, wo immer es geht und Möglichkeiten der Sondertilgung zu nutzen.“

Regionale Unterschiede belegt der Schuldner-Atlas von Creditreform in Ostwestfalen-Lippe und im Münsterland.

Die höchste Quote in OWL weist die Stadt Bielefeld mit 11,35 Prozent (Vorjahr: 11,35) auf. Der Kreis Höxter verzeichnet mit 8,57 Prozent (8,42) den besten Wert. Ähnlich gut da steht der Kreis Gütersloh: Dort gelten 25.737 Menschen als überschuldet, was einem Anteil von 8,69 Prozent aller Erwachsenen nach zuvor 8,70 entspricht. In der nach Postleitzahlen aufgeschlüsselten Statistik kommt 33330 Gütersloh (Innenstadt) auf eine Quote von 12,00 Prozent, 33449 Langenberg auf 6,90.

Der Kreis Coesfeld verzeichnet im Münsterland mit 7,19 Prozent (Vorjahr: 7,20 Prozent) die geringste Schuldnerquote. Den höchsten Wert weist der Kreis Warendorf auf: 20.354 überschuldete Erwachsene (plus 27) bedeuteten eine im Vorjahresvergleich konstante Quote von 8,85 Prozent. In der nach Postleitzahlen aufgeschlüsselten Statistik kommt 59229 Ahlen (Osten/Süden) auf 16,38 nach 16,20 Prozent. Die wenigsten Schuldner hat Wadersloh mit 5,96 nach 5,76 Prozent.

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