Fototeppich an Festspielhaus-Fassade
An der Fassade des Ruhrfestspielhauses in Recklinghausen hängen großformatige Fotos von Menschen, die eigentlich in diesen Wochen bei dem renommierten Theatertreffen zusammengekommen wären. Besucher wie Kunstschaffende haben aus der Isolation Porträtfotos schicken, die dann Teil des „Inside Out Projects“ des französischen Künstlers JR geworden sind. Wegen der Corona-Krise war das Theaterfestival abgesagt worden. Vorne die Skulptur Große Liegende Figur Nr. 5 des Bildhauers Henry Moore. Foto: dpa

Der klägliche Rest des Theaterfestivals aus knapp 800 überdimensionalen Fotos steht als mahnendes Symbol für all das, was nun nicht stattfinden kann: echte Begegnungen auf der Bühne und davor. Für diese Lücke steht nach der Absage des Festivals das Fotoprojekt „Inside Out“, an dem sich Hunderte mit ihren Bildern beteiligt haben, die nun an der Fassade des Festspielhauses angebracht sind.

Gegründet wurden die Ruhrfestspiele Recklinghausen 1947. Sie gehören damit zu den ältesten Theaterfestivals Europas. Hamburger Theaterleute waren im Nachkriegswinter hierher gereist, um Kohle für ihre Spielstätten zu besorgen. Bergleute halfen den frierenden Künstlern, indem sie Kohle an der englischen Besatzungsmacht vorbeischleusten. Im Sommer darauf bedankte sich die Theatertruppe mit Gastspielen.

Sichtbar machen, was nicht stattfinden kann

Die Absage der rund 90 Produktionen für die diesjährige Ausgabe wegen der Corona-Pandemie war ein verständlicher, aber doch schwerer Schlag für Macher und Besucher des traditionsreichen Festes. Viele Theater hätten in dieser Situation den Weg ins Netz gesucht. „Wir wollten diese reale Lücke nicht einfach überspielen“, sagt Chefdramaturg Jan Hein. Im Gegenteil: Es sollte etwas sichtbar gemacht werden, was nicht stattfinden kann.

Das nun an der gläsernen Fassade des Festspielhauses realisierte „Inside Out Project“ des französischen Künstlers JR stand ohnehin auf dem Festivalprogramm - wenn auch in ganz anderer Form mit großformatigen Porträts der Bürger der Stadt im öffentlichen Raum.

Den Ursprung des Projekts bilden JRs Fotos von den Abgehängten der Pariser Vorstädte, die er buchstäblich sichtbar machte, in dem er ihre Porträts als riesige Poster an Hausfassaden der Bessergestellten anbrachte.

Jahre später ist daraus ein globales Mitmach-Fotoprojekt geworden - 360.000 Porträts sind in den rollenden Fotokabinen entstanden, die im Auftrag von JR unterwegs sind. Das Ziel: Jeder Teilnehmer soll auf diese Weise seine individuelle Botschaft und Geschichte mit der Welt teilen können.

Hunderte beteiligten sich an den Porträts aus der Isolation

In der Corona-Variante von Recklinghausen gibt es wegen der Beschränkungen nun doch keinen Foto-Truck vor Ort. Stattdessen rief das Festival Besucher und beteiligte Künstler dazu auf, Porträts von sich selbst aus der Isolation einzusenden. Binnen kürzester Zeit beteiligten sich Hunderte. „Es war unser Wunsch, das Festspielhaus in ein weithin sichtbares Zeichen zu verwandeln, das davon zeugt, was Kunst für die Gesellschaft bedeuten kann“, sagt Hein. „Was ist denn ein Theaterfestival, wenn nicht eine intensive Form der Begegnung von Menschen? Die Bedeutung der Begegnungen und der Gespräche der Menschen wollten wir ins Zentrum rücken.“

Im Ergebnis ist in den letzten Tagen ein Gesamtkunstwerk entstanden: Überlebensgroß blicken die vielen Menschen, die sich mit Porträts beteiligt haben, durch die gläserne Fassade des Festspielhauses in die Welt. Ein Großteil ist unbekannt, aber auch Prominente, die in diesen Tagen auf der Bühne gestanden hätten, wie Wolfram Koch, sind dabei. Ein riesiger Gesicherteppich in Schwarz-Weiß, mit entsprechender Bearbeitung der Bilder in typischer JR-Optik. Kinder sind dabei, Menschen allen Alters, lachend oder ernst, nachdenklich oder verspielt, geschminkt oder ungeschminkt, mit Brille oder Hut.

Menschen im Park tauschen sich über die Fassade aus

„Es zeigt sich die ganze Verschiedenheit derer, die die Ruhrfestspiele zusammenbringen“, sagt Hein. Und noch eine Hoffnung habe sich erfüllt: Er habe gehört, die Leute, die im Park an der neu geschmückten Fassade vorbeikämen, blieben stehen, tauschten sich aus. „So lassen wir doch Begegnung stattfinden.“ ersatzweise für den Trubel, der eigentlich in diesen Tagen rund ums Festspielhaus herrschen würde.

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