Indien: Kleine Farmen, riesige Probleme
Bilder: Bothe
Typisches Bild im ländlichen Indien: Ein Bauer beackert mit einem Ochsenpflug sein winziges Feld in der Nähe von Nagpur.
Bilder: Bothe

Die Vereinten Nationen (UN) haben 2014 zum „Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft“ (IJFL) erklärt. Dadurch soll auf die Bedeutung und die Probleme bäuerlicher Kleinbetriebe aufmerksam gemacht werden.

Auf 570 Millionen schätzt die UN-Ernährungsorganisation FAO die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe weltweit. 500 Millionen davon sind in Familienbesitz. In Europa entspricht ihr Anteil 68 Prozent aller Farmen, in Asien sind es sogar 85 Prozent. „Familienbetrieb“ bedeutet dabei in weiten Teilen der Welt, dass überwiegend nur eine kleine Fläche bewirtschaftet wird.

137 Millionen Farmen gibt es beispielsweise in Indien. Nur ein winziger Teil davon ist größer als zwei Hektar, 75 Millionen jedoch verfügen gerade einmal über einen Hektar oder weniger Land. Hintergrund ist in der Regel, dass der Grundbesitz durch Vererbung immer weiter zersplittert wurde und wird.

Die Kleinfarmen produzieren zwar einerseits einen Großteil der in den betreffenden Ländern konsumierten Nahrung. Gleichzeitig jedoch sind sie in vielerlei Hinsicht anfällig: Das Einkommen ist oft so gering, dass keine Rücklagen gebildet werden können und zum Beispiel nach einer Missernte Hunger und/oder Verschuldung drohen. Ebenso fehlt Geld für Investitionen und die Ausbildung der Kinder. Zudem erschwert die geringe Menge der erzeugten Produkte den Zugang zum Markt, zumal zu auskömmlichen Preisen.

Mit dem IJFL wollen die UN eine nachhaltige Landwirtschaft auf kleinbäuerlicher Ebene fördern. Damit einher geht der Erhalt der Feldfrüchte-Vielfalt. Ebenso wichtig ist es, Frauen Einkommensquellen zu schaffen. Sie achten gemeinhin stärker auf eine ausgewogene Ernährung und einen sinnvollen Umgang mit Geld als Männer.

Eindrücke von UN-unterstützten Projekten in Indien sammelte „Glocke“-Redakteur Thorsten Bothe Mitte August im Rahmen einer einwöchigen Pressereise auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN). Die Journalistengruppe besuchte Projekte in Dörfern rund um Amravati, gut 100 Kilometer westlich der zentralindischen Millionenstadt Nagpur im Bundesstaat Maharashtra.

In Gruppen werden Dorfbewohner zu Kleinstunternehmern

Alleine haben bäuerliche Familien in Indien wenig Chancen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. In Gruppen organisiert können sie jedoch Kleinstunternehmen aufbauen und so zusätzliche Einnahmen erzielen. In Nimla, einem 200-Einwohner-Dorf, gelingt das bereits.

Mit Baumwolle, Soja und anderen Feldfrüchten konnten sich Nimlas Landwirte bestenfalls so eben über Wasser halten. „Sie wollten ihre Situation verbessern – waren dazu aber nicht selbst in der Lage, weil sie keinen eigenen Zugang zum Markt hatten“, sagt Agrarwirtschafts-Experte Vikram Yadav vom CAIM-Projekt (s. Stichwort). Projekt-Mitarbeiter erfassten daher 2011 die Situation jedes Haushalts um herauszufinden, was machbar ist und was die Leute selbst wünschen.

STICHWORT

CAIM/IFAD

CAIM ist ein für die Jahre 2009 bis 2017 angelegtes Programm zur Förderung von sechs besonders armen, landwirtschaftlich geprägten Distrikten im west- und zentralindischen Bundesstaat Maharashtra.

Ziel ist eine nachhaltige, vielfältige Landwirtschaft, die den Haushalten ein sicheres Einkommen gewährleistet. Dazu wird unter anderem mit Mikrokrediten die Gründung von Kleinstunternehmen und der Aufbau von Produktionsketten gefördert. Zudem werden Marktzugangs-Möglichkeiten auch für Kleinstbauern geschaffen sowie landwirtschaftliche (Grund-)Ausbildungskurse und Gesundheitsprogramme angeboten. Wichtiger Faktor ist stets die Förderung von Frauen.

Die Programm-Organisationsstruktur ist pyramidenförmig, sprich: Auf allen Ebenen wie Distrikt, Bezirk und Dorf gibt es Gremien, die sich um die Umsetzung kümmern – bis hinunter zu den Selbsthilfegruppen in den Dörfern.

Das 95-Millionen-Euro-Budget wird aus verschiedenen Quellen gespeist. Die wichtigsten sind die Regierungen Indiens und Maharashtras (zusammen 28 Prozent) sowie der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), eine UN-Sonderorganisation. Dieser steuert ein Drittel des Budgets als Darlehen bei und 13 weitere Prozent als Zuschuss. IFAD vergibt in knapp 100 Ländern weltweit Kredite an Programme staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen, mit denen Kleinbauern und landlose Landarbeiter unterstützt werden.

Mit CAIM-Hilfe schlossen sich dann alle Farmer zu einem Club zusammen – um so leichter Kredite zu erhalten. Experten zeigen ihnen unter anderem, wie sie die Felder ertragreicher bewirtschaften und wie sie Naturdünger herstellen und dadurch den Einsatz von Kunstdünger zurückfahren können.

Ein wichtiges Standbein der Dorfentwicklung sind mittlerweile Frauen-Selbsthilfegruppen mit je zehn, elf Mitgliedern. „Jede von uns legt 40 Rupien im Monat zurück“, erklärt eine der Frauen – etwa 50 Cent. Die Rücklagen dienen den Gruppen als Sicherheit für Kleinkredite, um beispielsweise gemeinschaftlich Hühner oder Kühe zu kaufen. „Wir sind alle Vegetarier und waren nicht an Geflügelhaltung gewöhnt“, sagt eine Frau. „Aber als wir gesehen haben, dass wir damit ein Einkommen erzielen, haben wir damit begonnen.“ Das nötige Wissen vermittelten CAIM-Mitarbeiter, zudem werden beispielsweise Impfungen und Tierarzt-Besuche finanziert.

Noch mehr als den 29 Landbesitzern greift CAIM den 13 landlosen, extrem armenHaushalten beim Aufbau eines Nutztierbestandes unter die Arme: ein paar Ziegen und Hühner, gehalten im Hof neben den kleinen Häuschen. 30 Vögel sind die Regel. „Ich habe gerade sechs Hähne für 3000 Rupien (fast 40 Euro) verkauft“, erzählt eine Frau – bei einem Einkaufspreis von 60 Rupien (75 Cent) je Küken. Eier bringen ihr 10 Rupien pro Stück.

Der Farmer-Club kaufte aus eigenen Rücklagen und mit einem 3000-Rupien-Zuschuss von CAIM für 10 000 Rupien eine drei Meter hohe Metall-Spirale, in der Hülsenfrüchte von Dreck getrennt werden. Früher benötigte eine Frau einen Tag für 50 Kilogramm – mit der Spirale schaffen zwei Personen im gleichen Zeitraum bis zu 2000 Kilogramm. Jeder, der den Apparat nutzt, zahlt einen kleinen Beitrag in die Gemeinschaftskasse. Geld für das Abtragen von Schulden – und für neue Investitionen.

Milchsammelstelle sichert Absatz

Zwei, drei Liter Milch täglich – mehr können Kleinstbauern oft nicht liefern. Für solche Mengen fährt jedoch kein Tanklaster über die Dörfer. Es bliebe nur der Verkauf an Nachbarn zu schlechten Preisen.

Um den Farmern der Umgebung dennoch eine sichere Absatzmöglichkeit zu eröffnen,wurde 2011 in Aamla bei Amravati eine Milchsammelstelle eröffnet. 50 bis 60 Landwirte aus sechs Dörfern nutzen die Möglichkeit. In der Sammelstelle wird die Milch von einem über das CAIM-Projekt (s. Stichwort) angelernten Mitarbeiter unter anderem auf den Fettgehalt getestet und in einem Kühlbehälter aufbewahrt. 20 bis 25 Rupien (25 bis 30 Cent) – je nach Fettgehalt – erhalten die Bauern für einen Liter Kuhmilch, für die fettreichere Büffelmilch gibt es bis zu 50 Cent.

Einmal täglich wird die Milch zur Molkerei im 30 Kilometer entfernten Amravati gefahren. Dort wird sie unter anderem zu Paneer-Frischkäse verarbeitet.

Gemeinschaft stärkt Position der Bauern

Gemeinsam sind wir stark – aus dieser Erkenntnis heraus haben sich Baumwollbauern aus 25 Dörfern rund um Achalpur zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen. „Es waren einige Sitzungen und Gespräche nötig, um die Farmer zu überzeugen“, erinnert sich Agrarwirtschafts-Experte Vikram Yadav vom CAIM-Projekt (s. Stichwort). 2013 startete die Initiative mit 54 Landwirten – und deren Erfolg lässt die Saat weiter aufgehen: „In diesem Jahr rechnen wir damit, dass 2000 Farmer aus 25 Dörfern teilnehmen“, sagt Yadav.

Das Genossenschaftsmodell ist für die Baumwollbauern unter anderem bei der Saatgut-Beschaffung von Vorteil: Die Hersteller gewähren beim gemeinschaftlichen Einkauf einen zehnprozentigen Rabatt, was bei einem für 0,2 Hektar reichenden 450-Gramm-Paket einer genmanipulierten Sorte 1,20 Euro ausmacht. Dünger und Maschinen sollen künftig ebenfalls gemeinschaftlich eingekauft werden.

Ähnlich ist die Situation beim Verkauf: Früher reisten Zwischenhändler über die Dörfer, um den Bauern die Rohbaumwolle direkt abzukaufen – wobei sie die Preise für die geringen Mengen drückten. Nun kann die Gemeinschaft große Mengen direkt und zu besseren Konditionen an weiterverarbeitende Betriebe liefern. Zudem wird nun zumindest ein Teil der Ernte gereinigt und zu Ballen gepresst, was den Ertrag nochmals erhöht.

„Wir haben jetzt eine bessere Verhandlungsposition“, verdeutlicht Pater K.P. Jose. Der katholische Priester, der eine Klinik für Schlangenbissopfer betreibt und unabhängig von seiner Religion von Hindus und Muslimen in der Region respektiert wird, hat maßgeblich dazu beigetragen, die Bauern vom Genossenschaftsmodell zu überzeugen. CAIM arbeitet gerne mit solchen Meinungsführern zusammen.

Die meisten Landwirte bauen genmanipulierte, gegen einen bestimmten Schädling resistente Baumwolle an. „Die heimischen Sorten waren anfällig“, erklärt Ravy Babarao Bonde, der im Dörfchen Kakda gemeinsam mit seinem Bruder 2,5 Hektar bewirtschaftet. „Jetzt müssen wir allerdings Pestizide gegen andere Schädlinge einsetzen.“ Zudem sei das Saatgut mehr als dreimal so teuer wie für herkömmliche Sorten. Auch sei Gen-Baumwolle anfälliger gegen Trockenheit und müsse ständig bewässert werden. Dennoch: Dank der fünffach höheren Erntemenge – 2500 statt 500 Kilogramm je Hektar – mache er mehr Profit als früher.

Den Pestizid-Einsatz zu senken ist wiederum ein weiteres Ziel der CAIM-Experten. Sie lehren die Bauern zum Beispiel, bestimmte Pflanzen zwischen die Baumwolle zu säen, die dann statt der Nutzpflanze von Schädlingen attackiert werden. Zugleich werden die Farmer ermuntert, auch andere Feldfrüchte wie Soja anzubauen. Das mindert das Risiko, bei einem Ernteausfall vor dem finanziellen Ruin zu stehen.

120 Euro genügen Witwe für Neustart als Snackverkäuferin

Der Schicksalstag traf Padma Shrikrishna Dahotonde und ihre beiden Kinder vor sechs Jahren: Padmas Mann starb an Diabetes. Ihre ganzen Ersparnisse hatte die Familie in seine Behandlung gesteckt – umsonst. Die Drei standen vor dem Nichts.

Einen kleinen Verkaufsstand für Snacks, Knabbereien und Tee hatten Padma und ihr Mann betrieben, an einer Bushaltestelle an der Landstraße, die am Dörfchen Mhaispur bei Amravati vorbeiführt. Sie hatten ihr Auskommen, karg, aber es reichte.

Doch fortsetzen konnte die Witwe das Gewerbe zunächst nicht: „Die Ausrüstung wurde aus dem Schuppengestohlen“, erzählt die 40-Jährige. Frittierpfanne, Gläser, Tabletts und Zutaten fehlten – und Padma hatte kein Geld, um neu zu starten. So verdingte sie sich als Lohnarbeiterin auf den Feldern in der Umgebung. „Ich habe 60, 70 Rupien am Tag verdient“, sagt sie – weniger als einen Euro.

Seit anderthalb Jahren aber bereitet Padma wieder Gemüsepuffer und Kartoffel-Knuspereien zu, von 7 bis 18 Uhr, an sieben Tagen in der Woche. Über das CAIM-Programm (s. Stichwort) hatte sie einen Zuschuss von 5000 Rupien (knapp 65 Euro) bekommen, die gleiche Summe lieh ihr eine Selbsthilfegruppe aus dem Dorf. „Wir machen 150 bis 200 Rupien Gewinn am Tag“, sagt Padma. 2000 Rupien von dem Kredit konnte sie bereits abzahlen.

Nachmittags, nach der Schule, unterstützt ihre 18-jährige Tochter Suhita sie. Die kümmert sich zudem um den Haushalt – kochen, Wäsche, saubermachen. Zwei bis drei Stunden täglich. Als Mädchen muss sie keine Gebühr für den Besuch der weiterführenden Schule zahlen – das soll Eltern motivieren, nicht nur den Jungen Bildungschancen zu eröffnen. „Ich will Lehrerin werden“, sagt Suhita.

Sohn Rupesh trägt ebenfalls zum Familieneinkommen bei. Von 7 bis 12 Uhr besucht er die Schule in Amravati. Von 13 Uhr bis abends arbeitet er in der Stadt in einem Hotel, zwischendurch lernt er. 4500 Rupien (58 Euro) verdient der 17-Jährige im Monat, etwa zwei Drittel benötigt er für den täglichen Transport, Schulutensilien und Schulgebühr. Um 6 Uhr morgens verlässt er das Haus, vor 21 Uhr ist er nicht zurück. „Aber ich will zur Schule gehen“, sagt Rupesh bestimmt, „und Polizist werden“.

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