„Kirche muss sich  neu positionieren“
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Thomas Schüller, Theologe an der Universität Münster, sagt, die Kirche müsse damit rechnen, dass immer mehr Schwule ihren Platz einfordern.
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Das sagt Kirchenrechtler Prof. Thomas Schüller in einem Interview. Er ist Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Universität Münster.

Frage: Herr Prof. Schüller, hat der schwule Schützenkönig aus Münster mit seiner Homosexualität gegen Vorschriften der Kirche verstoßen?

Schüller: Im Katechismus der katholischen Kirche steht Folgendes: Homosexuell zu sein, ist an sich keine Sünde. Das wurde bis 1975 noch anders gesehen. Da hat die katholische Kirche eine langsame Annäherung an die Wirklichkeit vorgenommen. Sie sagt allerdings bis heute: Gelebte Homosexualität ist eine schwere Sünde und ist unter keinen Umständen gutzuheißen.

Frage: Inwieweit muss das einen Stadtteil-Schützenkönig tangieren?

Schüller: Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften - das ist ein traditionsreicher katholischer Verband - beruft sich darauf, dass er eine Mustersatzung hat, an die die Ortsverbände gebunden sind. Und da heißt es eben, Wesen und Aufgabe sei das "Bekenntnis des Glaubens durch Eintreten für die katholischen Glaubensgrundsätze und ihre Verwirklichung". Damit ist der Katechismus gemeint. Dementsprechend verpflichtet sich ein historischer Schützenbruderverband, der diesem Bundesverband angehört, diese Glaubensgrundsätze hochzuhalten. Darauf beruft sich Bundespräses Weihbischof Heiner Koch.

Frage: Was hat der Weihbischof dem Mann konkret vorzuwerfen?

Schüller: Er sagt: Wenn jemand ausdrücklich als homosexueller Schützenbruder mit seinem Lebensgefährten Hand in Hand bei einem Umzug geht, wird der Eindruck erweckt, die katholische Kirche würde das gleichwertig mit Schützenkönig und -königin ansehen. Und damit werde die Ehe gefährdet. Das ist die alte Diskussion seit 2001, als Rot-Grün die eingetragene Lebenspartnerschaft eingeführt hat. Die katholische Kirche sagt: Wir können das nicht gutheißen, weil die homosexuelle Lebenspartnerschaft nicht gleichrangig mit der Ehe ist, da doch die Ehe von Mann und Frau schöpfungsgemäß die Bestimmung des Menschen ist. Schließlich können nur aus einer solchen Verbindung Kinder hervorgehen.

Frage: Kann die Kirche denn auf Dauer fromme schwule Menschen ausgrenzen?

Schüller: Das wird schwierig in der Kommunikation. Aber die Lehre der Kirche ist in dem Punkt sehr eindeutig. Dies ist mittlerweile übrigens auch bei Bischofsernennungen ein Prüfstein: Man muss etwa in besonderer Weise die Gottesmutter Maria verehren, man muss den Zölibat hochhalten und man muss sich als katholischer Bischof mit Entschiedenheit gegen Initiativen des Gesetzgebers aussprechen, die eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften zum Ziel haben. Dazu gibt es auch lehrrechtliche Noten des Papstes aus jüngster Vergangenheit. Das gilt auch für katholische Politiker. Ihnen wird ans Herz gelegt, sich gegen Abtreibung, aber auch gegen Lebenspartnerschaften von Homosexuellen zu stellen.

Frage: Sie haben mit rund 300 anderen Theologen ein Memorandum verfasst, in dem Sie den Vatikan in vielen Fragen zum offenen Dialog auffordern...

Schüller: Der Fall der Schützenbruderschaft - so lächerlich er auf den ersten Blick zu sein scheint - bestätigt, was wir im Memorandum geschrieben haben. Dass die katholische Kirche einerseits sehen muss: Was ist ihr Kernbestand? Was ist ihre Auffassung? Was gehört lehrmäßig zu ihrer Identität? Und sie hat eine hohe Auffassung von der Ehe. Andererseits wird sie sich neu positionieren müssen zu den Homosexuellen, vor allen Dingen auch zu katholischen Homosexuellen. Und von diesen gibt es wohl nicht wenig.

Frage: Worauf muss sich die Kirche in den nächsten Jahren einstellen?

Schüller: Die katholische Kirche wird sich mit dem Phänomen auseinandersetzen müssen, dass in ihrem Binnenbereich, in ihrem Kern, in ihren katholischen Verbänden - wie hier bei den historischen Schützenbrüdern, aber auch in Pfarrgemeinderäten, im Kirchenvorstand - plötzlich tatsächlich homosexuelle Menschen auftauchen, die nach Antworten auf ihre Lebenssituation verlangen und sich in ihrer sexuellen Identität ernst genommen wissen wollen. Das ist eine spannende Diskussion.

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