Rockoper Tommy grandios in Szene gesetzt
Bild: M. Stutte
Er ist taub, stumm und blind, aber am Flipperautomaten macht Tommy (Philipp Dietrich) niemand etwas vor. Die Bielefelder Inszenierung der legendären Rockoper der britischen Band „The Who“ riss das Publikum am Sonntagabend zu Beifallsstürmen hin.
Bild: M. Stutte

Tolle Darsteller, ein fantastisches Bühnenbild, schnelle Szenenwechsel und Musiker, die den „Who“-Mitgliedern um Pete Townshend in nichts nachstehen.

In der Rolle des Titelhelden gibt der charismatische Philipp Dietrich eine beeindruckende Vorstellung. Er tanzt und singt mit Leidenschaft, verharrt aber auch in sich gekehrt und abwesend, wenn es die Rolle verlangt – eine Idealbesetzung für den stummen, tauben und blinden Tommy.

Gefangen in der eigenen Welt

Der kleine Junge ist in dem Stück nicht von Geburt an gehandicapt. Er wird Zeuge, wie sein aus dem Krieg heimkehrender Vater, Captain Walker (überzeugend: Alexander Franzen), den Liebhaber seiner Frau (ebenfalls stark Carina Sandhaus) in Notwehr erschießt. Die Eltern schärfen Tommy ein, niemandem etwas darüber zu erzählen. Der eingeschüchterte Junge steht fortan unter Schock: Er spricht, hört und sieht nicht mehr, ist gefangen in seiner eigenen Welt. Keine Therapie schlägt an, selbst die Acid-Queen (imponierend stimmgewaltig: Brigitte Oelke) kann dem Jungen nicht helfen. Er wird von Gleichaltrigen gehänselt. Und sein irrer Onkel Ernie – urkomisch gespielt von Carlos Horacio Rivas – missbraucht ihn.

Der Held am Flipperautomaten

Auch sein fieser Cousin Kevin (zum Fürchten: Nicky Wuchinger) meint es nicht gut mit Tommy. Erst als der eher zufällig sein Können vor dem Flipperautomaten beweist und zum Pinball Wizard (Flipperwunder) wird, schlägt die Stimmung in der Clique um. Wenig später zerschlägt Tommys Mutter aus Wut den Spiegel, in dem der Junge vor 15 Jahren das Verbrechen seines Vaters beobachtet hatte. Der Bann ist gebrochen, Tommy geheilt. Er jubelt: „Ich bin frei.“ Seine Wunderheilung zieht Kreise, der Junge wird zum Jugendidol. Doch behagt ihm das?

Belohnung für zwei Stunden beste Unterhaltung

Temporeich und kurzweilig hat Götz Hellriegel die Geschichte von Tommy inszeniert, mit der die britische Rockband „The Who“ 1969 zu Weltruhm gelangte. Alle Liedtitel sind ins Deutsche übersetzt, verlieren dadurch aber nichts von ihrer Kraft. Nach mehr als zwei Stunden bester Unterhaltung gab es für Künstler und Musiker am Sonntagabend stehende Ovationen für diese wirklich grandiose Interpretation eines Meisterwerks.

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