Schwieriges Kapitel: Firmen in der NS-Zeit
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Zu hunderten waren Zwangsarbeiter während der NS-Zeit auch in heimischen Unternehmen beschäftigt.
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Auch viele andere Firmen der Region scheuen das schwierige Thema nicht. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie zwangsläufig mehr oder weniger in die Machenschaften des NS-Regimes verstrickt waren. Vor allem Betriebe, die aus Sicht der Nazis kriegswichtiges Material herstellten, konnten sich der Zuweisung von Zwangsarbeitern kaum entziehen. „Die Firmen mussten bestimmte Warenmengen produzieren“ erläutert der Ahlener Geschichtslehrer Reinhard Künnemann. „Deutsche Arbeitskräfte fehlten kriegsbedingt. Da war das Angebot, Zwangsarbeiter einzustellen alternativlos.“

Schüler auf den Spuren der Geschichte

Auf Initiative Künnemanns haben sich Ende der 1980er-Jahre drei Schülerinnen des Städtischen Gymnasiums in einem Projekt mit sowjetischen Zwangsarbeitern in Ahlen beschäftigt. Sie spürten 600 Arbeitskarten sowjetischer Bürger auf. Allein auf der Zeche waren 121 von ihnen beschäftigt, 95 arbeiteten im Emaillierwerk der Firma Kaldewei, heute führender Badewannen-Hersteller Europas.

 Historiker Dr. Karl-Peter Ellerbrock bestätigt, dass bei Kaldewei seit 1942 osteuropäische Zwangsarbeiter tätig waren. „Wie viele es waren, ist aufgrund der vielschichtigen Unterlagen schwer zu sagen“, erläutert der Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs in Dortmund. Ellerbrock arbeitet im Auftrag des Unternehmens dessen Geschichte auf. 2013/14 soll die Studie fertiggestellt sein.

 Künnemann schätzt, dass allein in Ahlen während des Zweiten Weltkriegs 1500 Zwangsarbeiter im Einsatz waren. 127 Osteuropäer ließen in dieser Zeit ihr Leben; sie starben zumeist an Lungenentzündung oder Tuberkulose.

Vergleichsweise besser getroffen hatten es dagegen die Zwangsarbeiter des Gütersloher Haushaltsgeräte-Herstellers Miele. In der Unternehmenschronik heißt es, dass Firmenchef Carl Miele fünf dem Tode geweihte russische Gefangenen aus dem Lager in Stukenbrock geholt habe, sie medizinisch versorgen ließ und dann als Arbeitskräfte auf einem Test-Hof der Firma einsetzte. Mitinhaber Kurt Christian Zinkann half, die kärglichen Essensrationen der Zwangsarbeiterinnen zu verbessern. Dafür wurde auch schon einmal eine Waschmaschine gegen ein Schwein getauscht. „Und das kam dann in die Suppe“, erinnerte sich der Firmenchef später.

Zwangsarbeiter auch bei Claas und Westfalia Separator

Auch der Harsewinkeler Landmaschinen-Hersteller Claas hat sich der Vergangenheit gestellt und die Geschichte des Unternehmens während des Krieges dokumentiert. Nach eigenen Angaben wurden bei Claas noch bis 1942 ausschließlich Landmaschinen gefertigt. „Ab 1943 musste auf politisch-wirtschaftlichen Druck hin die Produktion weitgehend auf Komponenten für die Rüstung umgestellt werden“, erläutert Pressesprecher Jörg Huthmann. Kriegsbedingt war die Stammbelegschaft reduziert, so dass bei Claas auch Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalitäten zum Einsatz kamen. Dieser Faktenlage trug das Unternehmen Rechnung, indem es im Jahr 2001 ebenso wie Miele einen Beitrag zur Zwangsarbeiter-Stiftung leistete.

 Zurückhaltender geht man mit dem Thema beim Oelder Maschinenbauer Westfalia Separator um, der heute zum Bochumer Technologiekonzern Gea gehört. Außer Zweifel steht, dass der Oelder Separatorenhersteller zu Kriegszeiten Zwangsarbeiter beschäftigte. Darüber hinaus gibt es keine Auskunft. Gea teilte auf Anfrage der „Glocke“ mit, dass man aufgrund der schlechten Dokumentationslage keine Aussage zu Westfalia Separator während der NS-Zeit treffen könne.

Zurück zu Bertelsmann und Oetker. Der Medienkonzern stilisierte sich lange Zeit als kirchennaher Verlag mit Distanz zu den Nazis. Eine unabhängige Kommission unter Vorsitz des Historikers Saul Friedländer wies 2002 die Verstrickung des Hauses in den Nationalsozialismus nach. Demnach fuhr Bertelsmann als größter Produzent von Wehrmachtsliteratur gewaltige Gewinne ein, in 50 belletristischen Titeln stießen die Forscher auf „massive antijüdische Attacken“. Zudem war der damalige Verlagschef Heinrich Mohn förderndes Mitglied der SS.

Der von der Familie Oetker beauftragte Historiker Andreas Wirsching wird seine Studie im kommenden Jahr vorstellen. Bereits jetzt wurde bekannt, dass der Konzern kaum Zwangsarbeiter beschäftigte – für den Krieg war der Puddinghersteller nicht so wichtig. Ein Freifahrtschein ist das nicht. Schließlich war der eingeheiratete, damalige Firmenchef Richard Kaselowsky seit 1933 NSDAP-Mitglied und gehörte dem Freundeskreis des SS-Führers Heinrich Himmler an.

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