Steinbrück bittet SPD um „etwas Beinfreiheit“
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Die Herzen aller nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten hat der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (r.) zwar noch nicht erobert. Mit seiner Bewerbungsrede auf dem Landesparteitag in Münster überzeugte er am Samstag aber nicht nur Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (l.).
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Der 65-Jährige attackiert die Regierung Merkel, wirbt entschieden für Rot-Grün im Bund und buhlt um die Gunst der Parteibasis.

Eine Ehre sei es, vor dem Landesverband zu sprechen, „in dem ich seit 1975 zu Hause bin“, sagt der gebürtige Hamburger. In dieser Zeit habe er die „rheinische Verlässlichkeit, die westfälische Leichtigkeit und die großzügige Art, die ich in Lippe-Detmold erfahren habe“ schätzen gelernt.

Ein Kandidat auf Kuschelkurs. Steinbrück weiß, dass er als Agenda-2010-Befürworter bei Parteilinken und Gewerkschaftern noch auf Vorbehalte trifft. Er muss Überzeugungsarbeit leisten, wenn er die SPD geschlossen hinter sich versammeln will. Und darum bemüht er sich nach Kräften. Eine Mobilisierung der Anhängerschaft, belehrt er die Genossen, sei „notwendige Bedingung für den Erfolg“.

Stichwort: Nominierung

Der SPD-Vorstand nominiert am heutigen Montag (11 Uhr) den früheren Bundesfinanzminister Peer Steinbrück offiziell zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2013. Es wird mit einer breiten Zustimmung zum Personalvorschlag des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel gerechnet. Am 9. Dezember soll in Hannover die endgültige Kür Steinbrücks durch einen Sonderparteitag folgen. Die Bundestagswahl findet wahrscheinlich im September 2013 statt.

Der streitbare Hanseat, der sich ansonsten gerne mit der eigenen Partei anlegt, gibt sich in Münster versöhnlich. „Ihr habt mich getragen, musstet mich manchmal ertragen, aber wir haben uns immer wieder vertragen“, übt er sich im Wortspiel.

Immer wieder brandet Beifall auf. Etwa wenn Steinbrück betont, dass er eine vollständige Ablösung der schwarz-gelben Regierung anstrebe und als Minister in einer großen Koalition unter Merkel nicht zur Verfügung stehe. Oder wenn er der Kanzlerin vorwirft, innenpolitisch an den Bedürfnissen der Gesellschaft vorbei zu regieren und Klientelpolitik zu betreiben. An einer Stelle aber sind vereinzelt Buhrufe zu vernehmen. Steinbrück hebt hervor, dass SPD-Wahlprogramm und Kandidat zueinanderpassen müssen. Man möge ihm deshalb „etwas Beinfreiheit lassen“. Auf diese Formulierung folgt ein Raunen, so dass der Redner gleich hinterher schiebt: „Ihr müsst keine Befürchtungen haben, meine Beinfreiheit ist ungefähr 1,80.“

Nach der 30-minütigen Rede erheben sich die Delegierten und applaudieren ihrem angriffslustigen Hoffnungsträger. Nicht nur Versmolds Bürgermeister Thorsten Klute ist überzeugt, dass die SPD den richtigen Mann ins Rennen schickt. Eine engagierte Rede habe Steinbrück gehalten, lobt der 38-Jährige. „Der hat das Zeug zum Bundeskanzler.“

Einen Kommentar und mehr zu den Beschlüssen auf dem SPD-Landesparteitag lesen Sie in der Montagsausgabe der „Glocke“ und des „Ahlener Tageblatts“.

 

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