Wissenschaftler entdecken Kunst im Zelt
Ohne Tierdressur und Trommelwirbel, dafür mit erzählerischen und poetischen Elementen: Der „Cirque Bouffon“ aus Köln ist ein Vertreter des neuen Zirkus’. Die Truppe gastiert vor dem Schloss und ist ab heute mit der Universität Gastgeber der ersten internationalen Zirkuskonferenz in Münster.

Was im Kopf zum Thema Zirkus verankert ist, hat mit Zirkus, wie er heute zu sehen ist, oft gar nichts mehr zu tun. Sogar Wissenschaftler befassen sich mittlerweile mit der Zirkuskunst – und einige von ihnen kommen ab Mittwoch und bis Freitag in Münster zusammen: zur ersten internationalen Zirkuskonferenz in Deutschland. „Die findet sogar im Zirkuszelt statt“, sagt Franziska Trapp.

Hintergrund:

„Die Pioniere der Zirkuswissenschaft kommen aus Kanada, dort begann man in den 70er-Jahren damit“, sagt Franziska Trapp. Denn als um 1968 die Tierschutzbewegung in Gang kam und sich immer mehr Menschen von der üblichen Massenunterhaltung abwandten, veränderte sich auch der Zirkus. „Das traditionelle Nummernprogramm wird mehr und mehr aufgebrochen. Es geht nicht mehr um möglichst schwierige Kunststücke, sondern um die Erzählung, um Bedeutung“, sagt die Zirkusforscherin. Dabei gehe es im zeitgenössischen Zirkus durchaus abstrakt zu. „Da gibt es Vorstellungen, die sich nur auf die Jonglage konzentrieren. Und das kann auch bedeuten, dass Erbsen in Lautsprecherboxen hüpfen.“                       (azi)

Die Literaturwissenschaftlerin ist die wohl einzige Zirkusexpertin der Uni Münster und organisiert das Treffen. Zudem war sie Regieassistentin beim aktuellen Programm des „Cirque Bouffon“, einem Zirkus der neuen Generation. Passenderweise hat der seine Zelte gerade vor dem münsterschen Schloss aufgeschlagen, so dass die Doktorandin ihre Gäste direkt in die Manege bitten kann.

Dort dreht es sich am Donnerstag und Freitag in verschiedenen Vorträgen um die Sprache und die Codes des traditionellen und des modernen Zirkus’ – und um Möglichkeiten, diese Ausdrucksformen zu analysieren. „Es wird also wissenschaftlich und tiefgründig, obwohl wir uns mit Unterhaltung befassen“, sagt Franziska Trapp. Dennoch lädt sie ausdrücklich auch zirkusinteressierte Laien zum Zuhören ein – zum Beispiel, wenn es um zersägte Jungfrauen und die Illusion von Gewalt geht, um Trapezkunst oder um die Clowns Charlie Chaplin und Dario Fo. Allerdings ist die Tagungssprache Englisch. „In Deutschland steht die Zirkuswissenschaft noch am Anfang. Die Experten kommen aus Frankreich, Kanada und Schweden“, erklärt die Organisatorin.

An der Uni Münster machte sie ihren Master in Kulturpoetik, Germanistik und Philosophie. In Sachen Zirkus aber ist sie nicht nur Theoretikerin: „Ich war schon als Schülerin im Kinder- und Jugendzirkus aktiv, mit Zelt und Wagen sind wir auf Tournee gegangen.“ Mit Regiearbeiten und als Mitarbeiterin des „Festival Mondial du Cirque de Demain“ in Paris blieb Franziska Trapp dem Zirkus auch als Studentin verbunden. Mit Freunden gründete sie außerdem ein Varieté, das deutschlandweit Auftritte hat. „Wir machen Akrobatik auf einem guten Niveau. Ich stehe unten, werfe und fange auf.“

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