Rhedaer Junge plaudert aus dem Nähkästchen



Rheda-Wiedenbrück (wd) - Die Aussicht, die Erfolgsgeschichte des Fleischwerks Tönnies aus berufenem Mund zu hören, führte zu einem rappelvollen Haus: Wohl noch nie ist der Heimatverein Rheda mit einem Vortrag zum Auftakt des Geschichtsfests auf ein solch großes Interesse gestoßen.

Erinnerung an einen großen Moment: Dr. Ernst Albien (l.) überreichte Gastredner Clemens Tönnies als Dankeschön ein Foto von der Grundsteinlegung des Rhedaer Fleischwerkes.

Der Domhof platzte aus allen Nähten, als Clemens Tönnies unter der Überschrift „Es geht um die Wurst“ auf seine Anfänge zurückblickte.

Da war der „Rhedaer Junge“ in seinem Element und nahm seine gebannt lauschenden Zuhörer mit in die Kleine Straße, wo in der elterlichen Metzgerei seine Wurzeln, wie auch die des vier Jahre älteren Bruders Bernd, liegen. Wurzeln, aus denen ein weltweit agierendes Imperium wachsen sollte. In leutseligem Tonfall war „der Clemens“ bei der Schilderung seiner Kindheit ganz nah bei „seinen Rhedaern“, von denen er viele persönlich ansprach.

Prinzipien des Vaters gelten bis heute 

Mit der Schilderung des stetigen Wachstums des bis zu dessen Tod gemeinsam mit Bruder Bernd aufgebauten Unternehmens stand da aber nicht mehr der Junge aus der ehemaligen Nachbarschaft. Da stand der inzwischen 63-jährige gestandene Mann, dem „die liebe Liz“ (gemeint war Bertelsmann-Patriarchin Mohn) mal schnell deren Repräsentanz unter den Berliner Linden überlässt, um mit Schwergewichten aus aller Welt etwa über das Thema „Tierwohl“ zu konferieren.

Einige Prinzipien seines Vaters gelten immer noch für Clemens Tönnies: Tiere, die man schlachtet, sollen so human wie möglich getötet werden. Wer gute Wurst machen will, muss selbst schlachten. Ein Versprechen ist ein Vertrag. Und: „Du sollst nur das verkaufen, was du mit Appetit selber isst.“

„Beim Fleisch geht es um Genuss“

Meist „Nein danke“ sagt Clemens Tönnies bei Veggie-Produkten. Weil es „beim Fleisch auch um den Genuss geht“, greift er lieber bei McDonald’s zum Burger: Schließlich ist er längst Hauptlieferant, ebenso wie an den Fleisch- und Wursttheken von Edeka und Rewe.

Bei einem kleinen Ausflug zum neuen „Tierwohl“-Label kam Tönnies schließlich auf Christoph Bühlmeyer zu sprechen, mit dem zusammen das Unternehmen Tönnies auf dessen Hof auf der Marburg eine neue Form der Schweinehaltung entwickele.

60 Minuten randvoll mit Informationen vergingen wie im Flug. Da blieben kaum offene Fragen. Lediglich ein Zuhörer wagte es, nach osteuropäischen Beschäftigten zu fragen. Die Clemens Tönnies braucht, wie dieser bekannte. Gut 6300 Arbeitnehmer zählt das Unternehmen am Stammsitz Rheda. 3300 sind fest angestellt, 3000 haben Werkverträge. „Und wenn es diese 3000 nicht gäbe“, sagte Tönnies, „dann gäbe es die anderen 3300 auch nicht.“

Protest gegen Massentierhaltung und Tönnies-Erweiterung

Mit dem Fahrrad war Clemens Tönnies zu seinem Vortrag im Domhof geradelt, wo er im schneidigen Tempo an der Kette der Demonstranten auf dem Vorplatz vorbeisauste. Einmal mehr demonstrierte dort das Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung und nahm in vielen Spruchbändern die Massentierhaltung und deren Folgen in den Fokus.

„Tiere sind Lebewesen, keine Lebensmittel“ hätte Tönnies etwa lesen können, so er denn angehalten hätte. Oder auch „Fleisch ist ein Klima-Killer“ und „Tiere wollen leben, genau wie wir“. So wie der Unternehmer hielten es auch die meisten Besucher: wegschauen, allenfalls verständnislose Blicke. Kaum, dass jemand das Gespräch mit den Demonstranten suchte. Die dann vorrangig zu hören bekamen: „Was hat Ihr Protest denn mit dem Heimatverein und unserem Thema zu tun?“

Einige ließen sich zumindest ein Flugblatt in die Hand drücken, dem sie entnehmen konnten, „dass die Nutztier-Industrie einer der größten Verursacher der Klimakatastrophe ist und zugleich wie kaum eine andere Branche für die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur steht“.

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