Stadtmuseum: Demos, Discos, Denkanstöße



Gütersloh (dop) - Welch eine Ära, diese 70er. Damals, als man noch Pril-Blumen an die Fliesen klebte und orangefarbene Telefone mit Wählscheibe aufstellte. Als der Paragraph 218 und die Hochschulen reformiert wurden. Als Willy Brandt mehr Demokratie wagen wollte - und dann den Radikalenerlass unterschrieb.

Rote Zellen, RAF und Paragraph 218, Umwelt-, Frauen- und Friedensbewegung, Rock und Disco-Welle, Dr. Franz Jungbluth (links) lädt zusammen mit Dr. Thomas Meiniger zur 70er-Jahre-Ausstellung ins Stadtmuseum Gütersloh ein. Dabei geht es nicht nur um Großereignisse, sondern auch um das damalige Lebensgefühl in der Provinz.

Als erste Punker den Poppern die Tolle aus der Stirn schlugen und die Disco-Welle, losgetreten vom „Saturday Night Fever“, selbst über Rock-Ikonen hinwegschwappte.

 „Es war ein turbulentes, vielschichtiges, für die Entwicklung der Bundesrepublik prägendes Jahrzehnt. Eine Ära, die, getragen von der Aufbruchstimmung der 68er-Generation mit Euphorie startete, um in Schlaghose und Blümchen-T-Shirt am Ende, im „Deutschen Herbst“ - im Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) - zu enden. Eine Zeit, die mit ihren politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen den Grundstein für unser Heute gelegt hat“, sagt Dr. Thomas Meiniger. Er ist einer der Kuratoren der Schau „Demos, Discos, Denkanstöße – die 70er in Westfalen“, die ab sofort im Gütersloher Stadtmuseum an der Kökerstraße zu sehen ist.

Blick auf den Zeitgeist in der Provinz

Aktionstag: Die Wanderausstellung „Demos, Discos, Denkanstöße – die 70er in Westfalen“ wird nicht eigens eröffnet. Das Stadtmuseum Gütersloh möchte den an diesem Samstag, 13. April,  geplanten Aktionstag ab 11 Uhr dafür nutzen, dass sich die Besucher – kostenlos – im ganzen Haus und selbstverständlich auch in der aktuellen Sonderschau umsehen können. Führungen sind für 15 und 16.30 Uhr angesetzt.

Osterwerkstatt: Während sich die Erwachsenen in die 70er-Jahre zurückbegeben, können Kinder – passend zur Sonderschau „Osterschätze“ – in der Osterwerkstatt des Museums Ostereier gestalten. Auch dazu ist der Eintritt frei.

Es ist keine nostalgisch-süßliche oder gar verklärende, sondern eine kompakte

Wanderausstellung, die das Rock ’n’ Popmuseum in Gronau in Kooperation mit dem LWL-Museumsamt erarbeitet hat. Da geht es um Politik und Proteste, um Bürger- und Friedensbewegung, um Gleichberechtigung und Geschlechterverhältnisse, um Kindheit und Jugend, um Mode und Design, um Mobilität und Wohnen, um Kunst, Kultur, und um viel Musik.  Zu sehen sind überwiegend Bilder des Münsteraner Fotografen Christoph Preker, der das in jedweder Form bunte Treiben der 70er in seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentierte.

Zudem kann man sich an Medientischen einloggen und im virtuellen Fotoalbum blättern, mittlerweile ergraute Krautrocker wie „Grobschnitt“ als Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, Oder auch in den 70er-Charts stöbern und so die Platten-Heroen von damals wiederbeleben.

Und es gibt sogenannte „Talking People“, lebensgroße Pappfiguren, die bei Berührung zu erzählen beginnen, oder  wie der Dortmunder Musiker Pit Budde – zu rocken anfangen.

„Es war eine verrückte Zeit“, sagt auch Museumsleiter Dr. Franz Jungbluth, „eine, in der man wegen der Ölkrise sonntags über autofreie Autobahnen spazieren konnte. Die Wirtschaft flaute, aber die Zahl der Gastarbeiter verzwanzigfachte sich – was Deutschland de facto zum Einwanderungsland machte. Auch wenn es das damals schon nicht sein wollte.

Ölkrise,  Wirtschaftsflaute und Mireille Mathieu

Und bei der Musik? Der Streit um die beste ging durch Generationen und Etagen: Unten im Gelsenkirchener-Barock-Wohnzimmer sagte Mireille Mathieu der Akropolis Adieu und genehmigte sich Udo Jürgens seinen griechischen Wein zum James-Last-Sound. Oben im Jugendzimmer, wo die Tapeten viel bunter und die Plattenspieler und Kassettenrekorder auch viel lauter gestellt waren, wo die Bravo-Stars als bunte Schnittmenge an der Wand hingen, sangen Pink Floyd „We don’t need no education“. Und dann wurden auch diese Rock-Ikonen von einer gigantischen Disco-Welle getroffen. Da ist wohl so mancher von den Plateausohlen - oder vom ersten Ikea-Stuhl gekippt.

Gesucht:  Gütersloher, die noch (Musik-, Veranstaltungs- oder auch Polit-) Plakate  sowie Bilder aus den 70er-Jahren in der Dalkestadt haben, können diese in den kommenden drei Wochen im Stadtmuseum abgeben. Sie werden dann in der bis zum 9. Juni geöffneten Schau mit ausgestellt.

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