Tierärztlicher Notdienst fällt weg



Harsewinkel (jau) - In Harsewinkel gibt es am Wochenende keinen tierärztlichen Notdienst mehr. Bisher haben sich Dr. Wilhelm Hemkemeyer, Dr. Elke Meyer-Wilmes und Dr. Reinhard Niedick am Samstag sowie Sonntag abwechselnd um Hund, Katze, Hamster und Co. gekümmert, wenn Not am Tier war.

Dr. Elke Meyer-Wilmes spricht die Probleme des tierärztlichen Notdienstes wie ihre Kollegen auch deutlich an – hier mit Patient Dexter, einem Goldendoodle, und dem tiermedizinischen Fachangestellten Jan Himmerich.

Dieser 48-Stunden-Bereitschaftsdienst fällt nun weg. Warum? Das erklären die Veterinäre im Gespräch mit der „Glocke“. Viele Jahre hat sich Dr. Wilhelm Hemkemeyer, der seine Praxis seit 40 Jahren am Warendorfer Landweg in Greffen führt, unter anderem um die Planung des Tierärzte-Notdienstkalenders gekümmert. „Jetzt werde ich bald 69, ich bin Tierarzt in Teilzeit, da will ich einfach nicht mehr diese festen Termine am Wochenende haben“, betont Hemkemeyer. Er hatte gehofft, dass seine Harsewinkeler Kollegin Elke Meyer-Wilmes, die ihre Praxis an der Oesterweger Straße in Harsewinkel hat, die Organisation weiterführt. Aber das stellte sich als schwierig heraus.

Keine Kapazitäten frei

Elke Meyer-Wilmes: „Dr. Niedick und ich haben versucht, mit Kollegen aus den Nachbarstädten zu kooperieren. Allerdings hatte von den Tierärzten, die ich angesprochen habe, niemand mehr Interesse, sich an dem tierärztlichen Notdienst zu beteiligen. Sie haben einfach auch keine Kapazitäten mehr frei.“ Ein Grund ist das Arbeitszeitgesetz. „Das Gesetz gibt es schon lange, es ist auch nicht verschärft worden. Allerdings wird mittlerweile bei den Tierärzten verstärkt kontrolliert, ob die Arbeitszeiten eingehalten werden.“ Bei den angestellten Tierärzten gelte die 48-Stunden-Woche bei einer Sechs-Tage-Woche. Die Arbeitszeit werde durch einen Wochenenddienst deutlich überschritten. Dafür müsse es wieder einen Ausgleich geben: „Und das funktioniert so eigentlich nur in großen Kliniken“, so Meyer-Wilmes. Ein großes Problem für die Tierarztpraxen, aber eben auch für so manche Tierklinik. „Die meisten Tierärzte sind auch ohne Notdienst schon sehr stark ausgelastet. Und die Kliniken sind verpflichtet, den Notdienst anzubieten. Deshalb geben jetzt auch immer mehr den Status als Klinik auf. Personell ist das kaum noch zu steuern“, berichtet Dr. Hemkemeyer. „Das gilt etwa für die Klinik in Bramsche“, ergänzt seine Kollegin Elke Meyer-Wilmes.

Erwartungshaltung bei Tierbesitzern hoch

Das Problem ist aber deutlich vielschichtiger und nicht nur mit der Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes zu erklären. Das macht der Greffener Tierarzt Wilhelm Hemkemeyer deutlich: „Die Erwartungshaltung der Tierbesitzer ist mittlerweile sehr groß. Sie gehen davon aus, dass wir jede Erkrankung rund um die Uhr behandeln. Und dann wird man auch noch angemotzt.“ Davon kann auch Elke Meyer-Wilmes ein Lied singen: „Viele können gar nicht mehr zwischen einem Notfall und einer Kleinigkeit – wie etwa Flohbefall bei einem Hund – unterscheiden. Das Beurteilungsvermögen funktioniert oft nicht mehr. Das ist ein Dilemma – das gilt jedoch nicht nur für uns, sondern auch für Krankenhäuser.“ Elke Meyer-Wilmes und Reinhard Niedick bieten am Samstag sowieso eine Sprechstunde an. „Und dann versorgen wir unsere Patienten teilweise auch am Sonntag. Das gilt natürlich auch für stationär aufgenommenen Tiere und die Fundtiere, um die wir uns auch noch kümmern. Beim Notdienst ist das allerdings anders: Dann müssen wir alle behandeln, die anrufen“, sagt die Harsewinkeler Tierärztin.

„Wenn das Telefon beim Notdienst 32 Mal klingelt, sind in der Regel nur 3 echte Notfälle darunter“

Ihre Erfahrung ist: „Wenn das Telefon beim Notdienst 32 Mal klingelt, sind in der Regel nur 3 echte Notfälle darunter.“ Oft sei es auch nicht einschätzbar, ob es nur ein Schnupfen sei oder eben etwas Ernstes. Dr. Reinhard Niedick, der an der Hesselteicher Straße in Harsewinkel seine Praxis hat, macht deutlich, dass ein tierärztlicher Notdienst, ausschließlich verteilt auf ihn und Elke Meyer-Wilmes, nicht zu schultern sei: „Alle zwei Wochen Notdienst – das ist für uns definitiv zu viel.“ Er rät den Patienten, sich im Ernstfall künftig einfach bei ihrem Haustierarzt zu melden. Falls dort niemand erreichbar sei, sei die Tierklinik – etwa die in Ahlen – der richtige Ansprechpartner am Wochenende. Elke Meyer-Wilmes weist in diesem Zusammenhang auf den Tierärztemangel auf dem Land hin: „In der ländlichen Region gibt es mittlerweile einfach zu wenig Kollegen. Und die, die da sind, arbeiten sich kaputt.“ Und wenn dann noch nachts der Anruf kommt, dass jemand gerade seinem Vogel die Krallen geschnitten hat und das Tier blutet, dann reißt bei vielen Tierärzten der Geduldsfaden. „So etwas ist tatsächlich vorgekommen“, berichtet Dr. Meyer-Wilmes von eigenen Erfahrungen.

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