Toni Scharf aus Neubeckum schreibt Lebensgeschichte auf 



Was hat Toni Scharf aus Neubeckum unternommen, wenn er  nicht beim Schwimmen oder Laufen war? Er hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben.

Toni Scharf aus Neubeckum mit seiner Lebensgeschichte in neun Bänden. Foto: Borgmann

Mit 40 Jahren haben viele Leistungssportler ihre Karriere bereits hinter sich. Toni Scharf hatte bis zu diesem Alter aber bereits andere Pflöcke eingeschlagen und noch nicht an Sport gedacht, sondern an seine Qualifikation vom Gesellen zum Raumausstattermeister.

Nicht nur das: Gleichzeitig ist der heute 76-jährige Möbelkaufmann, Holzbetriebstechniker, Polsterer und Dekorateur. Das richtige Rüstzeug, um im Jahre 1978 ein Einrichtungshaus in der Beckumer Innenstadt zu eröffnen, das er später einmal „Scharf einrichten“ nennen wird. Heute blickt der Neubeckumer dankbar auf sein Leben zurück. Unter seinem Arm klemmt eine Box mit neun Mappen, um die fünf Kilogramm schwer.

Zeugnisse, Fotos und Urkunden

Seine Lebensgeschichte, belegt durch Zeugnisse und Urkunden. Außerdem Fotos, die an seine langen Marathonreisen erinnern. „Nach dem Ruhestand 2014 habe ich den Computer für mich entdeckt“, erzählt er, und schlägt einen der Bände auf. Ein Bild zeigt Toni Scharf abends an seinem Büro-Schreibtisch sitzend. Nach Geschäftsschluss nahm er sich die nötige Ruhe, um den Schreibkram zu erledigen. Nur an Sport war da noch nicht zu denken – dafür fehlte ihm die Zeit. Heute ist für den rüstigen Ruheständler kaum vorstellbar, dass ein Leben ohne Sport machbar ist. Mehr als 500 Laufwettkämpfe hat er bestritten, hinzu kommen mehr als 50 Triathlons, weitere Schwimmwettkämpfe und 35 Mal das Deutsche Sportabzeichen. „Sonst rostet man ein“, sagt der Neubeckumer, der eigentlich Anton heißt.

Sport 1985 für sich entdeckt

Es war 1985, als er den Sport für sich entdeckte. Mittlerweile war er 13 Jahre mit seiner Frau Monika verheiratet, die drei Kinder Jutta, Gerrit und Doris hatten das Licht der Welt erblickt. „Meine Familie ist mein ganzer Stolz. Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft“, betont der Geschäftsmann. Toni Scharf war nicht nur in 37 Jahren Selbstständigkeit ständig als Einrichtungsberater präsent, die Läufer- und Schwimmerszene kennt sein Gesicht auch von diversen Wettkämpfen. „Immer Sport nach meinen Möglichkeiten treiben, um fit bis ins hohe Alter zu bleiben“, so beschreibt er sein Lebensmotto. „Schnell sein können andere, das wusste ich von Anfang an.“

Nein, Toni Scharf ging und geht es in seinem Wettkampfleben vor allem um Genuss – was nicht jeder von sich behaupten kann, dem beim Hermannslauf auf halber Strecke die Puste ausgeht. „Immer im Bereich des Möglichen bleiben“, bringt er der Neubeckumer auf den Punkt. Das überträgt er auch auf das Geschäftliche. Denn nicht jedes Jahr war durch die allgemeine wirtschaftliche Lage von Erfolg gekrönt, aber unterm Strich hatte bis zum Ruhestand alles gepasst. Toni Scharf ist glücklich darüber. Zeit zum Zurücklehnen hat er nicht. Dafür macht ihm das Schwimmen im Frei- oder im Hallenbad viel zu viel Spaß.

Als Freizeitsportler auch mit 76 Jahren noch am Start

Toni Scharf hatte als Erstes Geschmack am Joggen gefunden, und wenn immer möglich, schnürte er die Laufschuhe. Fünf Kilometern folgten zehn, er lief und lief – 1991 stand der Neubeckumer erstmals an der Startlinie des Hermannslaufs von Detmold nach Bielefeld. 1990, West- und Ost-Berlin waren gerade vereint, führte ihn seine Marathon-Premiere durch die heutige Hauptstadt. Schließlich verband der Einzelhändler das Laufen mit dem Reisen, durchquerte das australische Outback, überquerte die Verranzano-Narrow-Bridge in New York und lief im Central Park von Manhattan über die Ziellinie, lief in Istanbul von Asien nach Europa, stand wenige Tage vor dem Marathonstart auf dem Tafelberg von Kapstadt in Südafrika. Erlebnisse, die er bis heute nicht vergessen hat. Auch wenn er sich heute eher dem Schwimmsport widmet. 

Mit Startnummer: Toni Scharf nach seinem Lauf in Istanbul (Türkei).„Heute Morgen habe ich noch im Freibad meine Bahnen gezogen“, sagt er, während er in seinen Erinnerungen blättert. Aber bis er im Wasser Wettkampfkilometer sammelte, sollten noch ein paar Jahre ins Land gehen. 2004 fuhr er das erste Mal zur Schwimm-Weltmeisterschaft nach Riccione (Italien). 50 Meter Schmetterling, 50 Meter Brust, 100 Meter Brust – die Wettbewerbe waren kürzer als beim Laufen, aber trotzdem ein Erlebnis.

Es folgten Meisterschaften in Schweden, Slowenien, Spanien und der Ukraine: Zusammen mit seinem Team bei der SG Oelde qualifizierte er sich für mehrere Seniorenwettkämpfe und kehrte meist mit Urkunden und einem Lächeln zurück. Dass man auch im Alter noch etwas erreichen kann, bewies er sich immer wieder: So schwamm er erst 2012 seine persönliche Bestzeit bei der Schwimm-EM im niederländischen Eindhoven. Seine letzten Meisterschaften: 2016 in London, 2017 in Budapest, 2018 in Slowenien. Dann kam Corona: Die letzten Wettkämpfe absolvierte er im Jahr 2019. Fit ist Toni Scharf noch immer. „Ich habe mich immer durchgebissen“, erzählt er. „Für einen Außenstehenden erscheint das grenzwertig“, gibt er zu. Aber stets dabei zu bleiben, das führte ihn schließlich zu seinen persönlichen Wettkampf-Erfolgen.

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