Twitter-Projekt zum Weltkriegsende



Warendorf (maf) - Bombardierungen der Städte, unzählige Tote in letzten Kampfhandlungen, Lebensmittelknappheit, Flucht und Angst: Vor 70 Jahren rückte in diesen Wochen das Ende Zweiten Weltkriegs jeden Tag ein Stück näher. Am 8. Mai kapituliert Nazi-Deutschland bedingungslos.

So sieht die App auf dem Smartphone aus: Auf der Twitter-Seite von Michael Schmalenstroer und seinen Mitstreitern tauchen die aktuellsten Meldungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs ganz oben auf – fast stündlich und parallel zum Hier und Jetzt.

Was in diesen letzten Wochen an verschiedenen Orten vor sich ging, das können Geschichtsinteressierte quasi live verfolgen – und zwar über den Twitter-Kanal des Historikers Michael Schmalenstroer. Der gebürtige Warendorfer hat mit vier weiteren Historikern aus verschiedenen Ecken Deutschlands – Christian Gieseke, Moritz Hoffmann, Charlotte Jahnz und Petra Tabarelli – ein besonderes Projekt ins Leben gerufen: „DigitalPast“ nennt es sich – „Digitale Vergangenheit“.

Auf ihrem Kanal beim Kurznachrichtendienst Twitter posten Schmalenstroer und Co. seit Januar jeden Tag und jede Stunde 140 Zeilen kurze Mitteilungen, die einen Einblick in ein Ereignis geben, das auf den Tag und auf die Stunde genau vor 70 Jahren stattgefunden hat. „Wir stützen uns dabei hauptsächlich auf Ego-Dokumente wie Tagebücher. Diese Quellen liefern einen sehr persönlichen, emotionalen Einblick in diese Zeit“, erklärt Schmalenstroer.

Kurznachrichten kommen im Stundentakt

Es ist nicht die große militärhistorische oder politische Geschichte, die die fünf Historiker erzählen wollen, es sind die kleinen Alltagsgeschichten und -erlebnisse, um die es ihnen geht. Etwa die der Familie Klemperer. Victor Klemperers Tagebücher, in denen er akribisch seine Alltagserfahrungen als intellektueller, protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft in der NS-Zeit dokumentierte, zählen zu den wichtigsten Dokumenten eines Überlebenden der Nazi-Verbrechen.

Aber es fließen noch andere Perspektiven in das Twitter-Projekt ein. Da ist zum Beispiel Anneliese Stöbis aus dem Münsterländischen Reckenfeld, die ganze Nächte im Keller verbringt und die berichtet, wie die amerikanischen Panzer „schon vor Emsdetten stehen.“ Oder Familie N. aus Kreuznach, die wegen Knappheit im Krieg Zeitung und Gesangbuch als Toilettenpapier benutzte und – zum Ende des Kriegs – „Mein Kampf“ dafür benutzt.

„Wir wollen mit unserem Projekt das Interesse der Leute, die eher keinen ausführlichen Bericht oder gar ein Buch zum Zweiten Weltkrieg lesen, wecken“, sagt Schmalenstroer. 140 Zeichen seien schneller zu lesen. „Insgesamt ist es aber mehr Text, als man denkt. Ein 50-seitiges Buch kommt schon zusammen, wenn man unsere Tweets von Anfang bis Ende verfolgt.“

Durch die Twitter-Kurznachrichten, die Michael Schmalenstroer und seine Mitstreiter fast stündlich über Ereignisse und Erlebnisse während des endenden Kriegs 1945 in Deutschland posten, bricht das Vergangene ein in die Gegenwart der Twitter-Nutzer. Schmalenstroer: „Aktuelle und damalige Erlebnisse vermischen sich, das ist spannend.“

Geschichte und historisches Denken vermitteln

Die neuen Medien nutzen er und die vier anderen Historiker, um Interessierten einen neuartigen, anderen Zugang zu Geschichte zu vermitteln. Kennengelernt haben sich der gebürtige Warendorfer sowie Gieseke, Hoffmann, Jahnz und Tabarelli, die alle an unterschiedlichen Universitäten studiert haben, durch das Internet. Sie alle sind als Historiker auf Twitter und in sozialen Netzwerken aktiv. 2013 setzten sie ihr erstes gemeinsames digitales Geschichtsprojekt um. Damals erzählten sie die Ereignisse der Reichspogromnacht und der unmittelbar zugehörigen Ereignisse des Jahres 1938 zeitgenau 75 Jahre später nach.

Obwohl Michael Schmalenstroer heute nicht mehr als Historiker arbeitet – er ist im Vertrieb eines Metallbauunternehmens in Ahlen tätig, ließ ihn die Geschichtswissenschaft nie los. Mit der Internetseite www.digitalpast.de wollen die Fünf Geschichte und historisches Denken vermitteln. „Das Interesse an der Vergangenheit ist ungebrochen groß, kann aber nicht durch die herkömmlichen Wege von Büchern, Fernsehprogrammen und Ausstellungen bedient werden. ‚digital past‘ soll als Anlaufstelle für moderne Formen der Public History im Internet dienen, Formate ausprobieren und kritisch diskutieren“, heißt es auf der Internetseite.

www.digitalpast.de
www.twitter.com/digitalpast

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