Vermisste Arzu Ö. offenbar tot aufgefunden



Großensee/Detmold (dpa/gl) - Grausiger Fund auf einem Golfplatz in Schleswig-Holstein: Die Leiche einer 18-Jährigen aus Detmold ist dort am Freitag in einem Gebüsch entdeckt worden. Wahrscheinlich handelt es sich um die junge Kurdin Arzu Ö., die seit dem 1. November vermisst wird.

Beamte der Spurensicherung untersuchen am Freitag  in Großensee (Kreis Stormarn) den Fundort einer Frauenleiche. Spaziergänger hatten die Tote am Vormittag am Rande eines Golfplatzes entdeckt.

Detmold, die Nacht zum 1. November 2011: Die 18-jährige Kurdin Arzu Ö. ist bei ihrem Freund Alex. Gegen 1.30 Uhr drängen sich fünf Menschen in die Wohnung. Alex und zwei Freunde berichten später, dass sie mit einer Handfeuerwaffe bedroht wurden. Die Eindringlinge brechen Alex einen Finger und verschleppen die junge Frau. Zweieinhalb Monate später findet ein Golfplatz-Angestellter im schleswig-holsteinischen Großensee eine Frauenleiche in einem Gebüsch. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass es sich um Arzu handelt. Das teilte die Staatsanwaltschaft Detmold am Samstag mit.

Geschwister unter Verdacht

<mediaobject class="imageleft" id="X0.47510948702433975" idref="X0.29216760461682056" type="image" uid="fd3961df-e46d-4214-bd6d-58ecd62b8a71" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/fd3961df-e46d-4214-bd6d-58ecd62b8a71/foto_arzu_oezmen.jpg" uuid="fd3961df-e46d-4214-bd6d-58ecd62b8a71" x0="0" x1="100" y0="0" y1="100"> <element name="Unterschrift"/> <element name="Quelle"/> </mediaobject>Die Polizei glaubt, dass fünf ihrer Geschwister sie entführt hatten, vier Brüder und eine Schwester. Alle sind seit vielen Wochen in U-Haft. Einer der Brüder räumte bereits vor mehreren Wochen in einer Vernehmung ein, dass die Geschwister Arzu den Kopf waschen wollten. An der Entführung habe er aber nicht teilgenommen. Eine Tötung von Arzu verneint er. Ansonsten schweigen die fünf. Schon seit längerem ging die Polizei davon aus, dass Arzu nach der Verschleppung getötet wurde. Allen fünf wurde entsprechend Geiselnahme mit Todesfolge vorgeworfen.

Verbotene Liebesbeziehung

Die Familie Ö. stammt aus einem kleinen Dorf mit 300 Einwohnern im Kurdengebiet im Süden der Türkei. Seit gut 25 Jahren lebt die Familie in Deutschland: Die Großeltern, die Eltern und die zehn Kinder, alle mit deutschem Pass. Es sind Jesiden, eine Glaubensrichtung, die dem Christentum näher ist als dem Islam. Eine ihrer Regeln sagt: Wer sich mit einem Nicht-Jesiden zusammentut, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Alex ist kein Jeside.  Eine verbotene Liebe.

Arzu flieht vor Gewalt ins Frauenhaus

<mediaobject class="imageleft" id="X0.9091495441439894" idref="X0.3700693837263108" type="image" uid="ad3a2978-bd8c-4387-acac-9e35d7fb2c9b" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/ad3a2978-bd8c-4387-acac-9e35d7fb2c9b/32gg2801.jpg" uuid="ad3a2978-bd8c-4387-acac-9e35d7fb2c9b" x0="0" x1="100" y0="0" y1="100"> <element name="Unterschrift"/> <element name="Quelle"/> </mediaobject>Ende August ist ein Fall "häuslicher Gewalt" aktenkundig. Die junge Frau soll von Familienmitgliedern verprügelt worden sein. Arzu flieht ins Frauenhaus. Sie schneidet sich die Haare kurz und färbt sie blond. "Die Familie Ö. hat intensiv nach der Tochter gesucht", sagte vor einigen Wochen Jürgen Heinz, Leiter der Sonderkommission, "Frauenhäuser angeschrieben, das Umfeld befragt." Arzu sei intensiv beraten worden, nicht zu Alex zu gehen. Die Wohnung ihres Freundes liegt gerade mal anderthalb Kilometer vom Elternhaus entfernt. "Aber sie ist 18, dazu verliebt", so Heinz weiter. In der Nacht zum 1. November hält es Arzu nicht mehr aus, übernachtet bei Alex, ein verhängnisvoller Fehler.

Mauer des Schweigens in der Familie

Die Beamten stoßen bei ihren Befragungen in der weitläufigen Familie - allein in der Region an die 100 Verwandte - und im Umfeld auf eine Mauer des Schweigens. Medienberichte und heftige Debatten in Internetforen veranlassen den Zentralrat der Jesiden in Deutschland dazu, sich von jeglicher Gewalt zu distanzieren. "Es gibt keinen "Ehrenmord" im Jesidentum", betont der Zentralrat. Arzu bleibt verschwunden und auch die Hoffnung wird geringer, sie noch lebend wiederzufinden. Mehrmals durchsuchen Hundertschaften Waldgebiete in Ostwestfalen. In der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" wird die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. 5000 Euro Belohnung setzt die Staatsanwaltschaft aus. Per Rechtshilfeersuchen über das Bundeskriminalamt bitten die Ermittler ihre Kollegen in der Türkei, im Umfeld der Familie zu ermitteln.

Obduktion weist auf Gewaltverbrechen hin

Die 18-Jährige wurde wohl nicht am Fundort getötet, sagt die Polizei. Und dass die Frau "eines gewaltsamen Todes" gestorben ist. Mehr wollen die Ermittler an diesem Wochenende aus ermittlungstaktischen Gründen nicht preisgeben.

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