Wanderfalken wachsen am Windrad auf



Gütersloh (eff) -  Viele Umweltschützer sehen Windkraftanlagen als Gefahr für die Vogelwelt. Ein Wanderfalken-Brutpaar, das Franz Thiesbrummel und seine Vereinskollegen vom Naturschutzteam Gütersloh beobachtet haben, setzt ein Fragezeichen hinter die allgemeine Warnung vor den Rotoren.

Wenn junge Wanderfalken das Nest verlassen, landen sie beim ersten Ausflug nicht selten am Boden. Was in Innenstädten oft zu gefährlichen Situationen führt, ergab auf der Waldwiese an der Windkraftanlage nahe der Autobahnraststätte keine Probleme.

Erstmals wurden an der Windkraftanlage in Höhe der Autobahnraststätte drei Jungfalken flügge. Als die Anlage dort im Jahr 2002 errichtet wurde, brachte der Miteigentümer einen Brutkasten in etwa 60 Metern Höhe an. „Seitdem sind jedes Jahr junge Turmfalken ohne Verluste flügge geworden“, berichtet Thiesbrummel (Bild), wie das Angebot von den Greifvögeln prompt angenommen wurde.

 Dass sich in diesem Jahr Wanderfalken gegen ihre Verwandten von den Turmfalken durchsetzten und den Kasten am Windrad in Beschlag nahmen, löste beim Naturschutzteam Freude aus, denn die unter Schutz stehenden Jäger waren Anfang der 70er-Jahre vom Aussterben bedroht.

Das Naturschutzteam beobachtete, wie sich die Jungvögel „in keiner Weise von den Rotorbewegungen stören ließen“, so Franz Thiesbrummel. „Und während der Jungenaufzucht konnte man beobachten, wie unbekümmert und zielsicher die Altvögel mit Futter in den Krallen den Brutkasten anflogen.“ Umso erschrockener reagierten die Naturschützer, als die Wanderfalken-Kinderstube in luftiger Höhe ins Visier der Kreisbehörde kam.

Ob der Brutkasten an der Winkraftanlage in Gütersloh verbleiben kann oder zum Wohl der dort nistenden Greifvögel umgesetzt werden muss, prüft derzeit die Umweltabteilung der Kreisverwaltung. „Wir stehen in Kontakt mit der Biostation Gütersloh-Bielefeld und mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen“, sagte Wilhelm Gröver, der Leiter der Umweltabteilung im Kreishaus, gestern der „Glocke“. Die Behörde in Recklinghausen nehme landesweit Beurteilungen vor, welche Vogelarten von Windkrafträdern bedroht seien. Man befinde sich in der Diskussion. Es gebe derzeit keinen Anlass, den Abbau anzuordnen“, stellte Gröver klar.

Der Umwelt-Abteilungsleiter hält es im Fall der Anlage bei der Autobahnraststätte für möglich, dass sich die dortigen Falken auf die Gegebenheiten eingestellt hätten. Gröver: „Dieses Verhalten ist aber nicht auf alle Greifvögel übertragbar.“ Zudem stelle sich die Frage, ob Jungvögel gefährdet seien. Deshalb hätten die Mitglieder des Naturschutzteams Kontrollen an der Anlage durchgeführt, erläuterte Thiesbrummel. Auch die Jungfalken hätten sich am Windkraftrad geschickt verhalten und den nahen Waldrand mit hohen Papeln und einer Eiche schnell zum Hauptansitz erkoren.

Wie viele Vögel Windkraftanlagen das Leben kostet, weil die Tiere in Rotorblätter geraten oder gegen Masten fliegen, kann nur schwer erfasst werden. Zwar dokumentiert die Zentrale Funddatei der staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt Brandenburg seit 1989 alle Meldungen über tot aufgefundene Vögel bei Windkraftanlagen. Doch weil Aasfresser vor allem kleinere Tiere in vielen Fällen wegtragen oder Vogelopfer zum Beispiel in Getreidefeldern schwer auffindbar sind, muss es bei Schätzungen bleiben. Laut der Brandenburger Liste wurden bis zum 1. August dieses Jahres im gesamten Bundesgebiet 3550 Vögel gefunden, die offenbar in der Nähe einer Windkraftanlage umgekommen sind.

Weitere Forschungen werden erweisen müssen, inwieweit der Standort der Anlagen oder die Vogelart die Gefahr für die Tiere erhöhen. Bei den Greifvögeln führen die Mäusebussarde (496), die Rotmilane (384) und die Seeadler (137) die bedauernswerte Liste der getöteten Tiere an. Nicht weit dahinter folgt der Turmfalke (109), während sein Verwandter, der Wanderfalke, nur 14-mal tot aufgefunden wurde. „Wanderfalken brüten häufig an Gebäuden und auch Felsen“, nennt Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut Bergenhusen im Naturschutzbund Deutschland einen möglichen Grund für die glückliche Aufzucht am Windrad in Gütersloh. „Und sie entfernen sich schnell von der Anlage, während andere Vögel wie Gänse die Gefahr nicht erkennen.“

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