Weggefährten des Expressionismus



Gütersloh (dop) - Sie wollten sich nicht länger dem strengen Stil der Akademien unterordnen, machten Schluss mit tradierten Farb- und Formkonventionen. Sie wollten nicht mehr nur äußere Eindrücke wiedergeben, sondern in ihren Bildern ganz subjektive Gefühle zeigen.

„Gesichter“ nannte Willy Robert Huch seinen Linolschnitt, den er seinem Künstlerkollegen und Freund Karl Schmidt-Rottluff auf einer Karte schickte.

Das alles nicht zuletzt, um auch der Ängste Herr zu werden, die die politischen Spannungen jener Zeit mit sich brachten. Es war die Geburtsstunde des Expressionismus.

Die Gütersloher Galerie Siedenhans und Simon, Kökerstraße 13, lenkt mit ihrer aktuellen Kabinettausstellung „Weggefährten“ den Blick auf drei Künstler jener Ära. Aus einer „privaten, in Nordrhein-Westfalen ansässigen“ Kunstsammlung haben Coletta Siedenhans und Johanna Simon 27 überwiegend kleinformatige Arbeiten von Karl Schmidt-Rottluff (1884 – 1976), Willy Robert Huch (1890 – 1977) und Helmut Verch 1923 – 2002) ausgesucht, die deren vielschichtige Beziehungen offenbaren.

Schmidt-Rottluff zählt als „Brücke“-Mitbegründer ebenso wie Huth zur sogenannten „verschollenen Generation“. Beider Werke wurden 1937 von den Nationalsozialisten als entartet diffamiert. Die Künstler durften nicht mehr malen, wurden mit Ausstellungsverboten belegt. Damals entstanden Schmidt-Rottluffs „ungemalte Bilder“, Werke, die er nur mit Tusche und Kreide fertigte, damit der Geruch der Acrylfarben sein ungebändigtes künstlerisches Wollen nicht verriet. In der Galerie sind zwei dieser Arbeiten – „Schneeschmelze“ und „Die Muschel“ – ausgestellt.

Eine offizielle Vernissage der „Weggefährten“ wird es in der Gütersloher Galerie Siedenhans und Simon nicht geben. Die Ausstellung, die nicht nur durch die Werke besticht, sondern auch durch die beigefügte private Korrespondenz zwischen Karl Schmidt-Rottluff und dem Ehepaar Huth, ist bis zum 30. Juni zu den üblichen Geschäftszeiten – montags bis freitags von 9.30 bis 18.30 Uhr, mittwochs von 9.30 bis 13 Uhr und samstags von 9.30 bis 16 Uhr – zu sehen. Während der „Langenachtderkunst“ am Samstag, 17. Mai, ist die Galerie von 19 bis 24 Uhr geöffnet.

Der Erfurter Huth ist mit Selbstporträts, Landschaften und Linolschnitten vertreten. Er hatte sich an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule ausbilden lassen, zog 1915 in den Krieg und geriet in britische Gefangenschaft. 1919 kam er nach Berlin, reihte sich ein in die künstlerische Avantgarde um Schmidt-Rottluff und George Grosz. Huth gründete die Künstlergruppe „Jung-Erfurt“ und war 1923 auf der ersten Ausstellung des deutschen Expressionismus in Amerika vertreten. Im Zweiten Weltkrieg wurde sein Berliner Atelier mitsamt seinen Werken bei einem Luftangriff zerstört. Aber er arbeitete unermüdlich weiter – als Hochschulprofessor und Künstler. Huth gründete mit Schmidt-Rottluff 1949 die „Berliner Neue Gruppe“. Er starb 1977 auf seiner geliebten Insel Amrum.

Helmut Verch begann nach seiner Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft 1947 ein Kunststudium, wurde Schmidt-Rottluffs Meisterschüler und lernte dadurch auch Huth privat kennen. Verchs gemalte Landschaften, Scheren- und Linolschnitte sind geprägt von starker formaler Reduzierung und sichtbarer Emotionalität – ganz im Geist des Expressionismus.

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