Winkler-Porträts: Spiegelbilder des Ichs



Gütersloh (dop) - Leonardo da Vinci hat es gewagt. Dürer perfektionierte es. Rembrandt spielte, van Gogh kämpfte damit. Der Blick des Künstlers in den Spiegel war nie nur ein Abtasten der eigenen Physiognomie, sondern immer auch eine Suche nach dem, was sich hinter der Topographie des vertrauten Antlitzes verbarg.

„Begegnung mit dem Selbst“ hat Woldemar Winkler dieses 1983 entstandene Selbstporträt genannt. Es ist eines der Lieblingsbilder seines Sohns Christoph, der die jüngste Werk-Schau seines Vaters im Gütersloher Stadtmuseum kuratiert hat.

Wünsche, Hoffnungen und auch Dämonen: Das Selbstporträt als Momentaufnahme persönlicher Befindlichkeit und als Spiegelbild von Zeitgeist und Gesellschaft.

Anlässlich des 110. Geburtstags von Woldemar Winkler (1902 – 2004) zeigt das Gütersloher Stadtmuseum unter dem Titel „Im Spiegel“ ab diesem Sonntag (bis 3. Dezember) 45 Selbstbildnisse des Künstlers, die zwischen 1918 und 1990 entstanden sind. Die Ausstellung, die Anfang des Jahres bereits in Paderborn zu sehen gewesen ist, wurde vom Winkler-Sohn Christoph als profundem Sachwalter des väterlichen Erbes kuratiert. Die Zeichnungen, Malereien und Collagen stammen aus Privatbesitz und dem Fundus der Woldemar-Winkler-Stiftung. Die meisten Exponate wurden 2000 bei der Räumung des ehemaligen Winkler-Ateliers in Dresden entdeckt.

Das älteste ausgestellte Werk ist eine Farbzeichnung auf Karton, die der 16-jährige Winkler 1918 von sich anfertigte. Sie zeigt ganz real einen schlacksig wirkenden Jugendlichen mit großen fragenden Augen. Düster und in Chagall-artiger Auflösung begriffen, schwebt dagegen sein Konterfei durch ein 1928 entstandenes Bild. 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nazis, malt sich der Künstler mit angstvollem Blick: ahnungsvolle Vorwegnahme des bald darauf erfolgenden Ausstellungsverbots. Es gibt kleine Arbeiten auf Papier oder Holz, die ihn als Soldaten präsentieren. Bilder aus norwegischer Gefangenschaft, wo er die Selbstporträts nutzte, um sich seine zeichnerische Qualität und den Weg zurück zu den surrealen Elementen zu sichern, die zum Schlüssel seiner imaginativen Welt werden sollten.

Vernissage: Sonntag, 25. November, 11.30 Uhr im Stadtmuseum Gütersloh, Kökerstraße 7 - 11.

Öffnungszeiten: Mi- Fr. 15 bis 18 Uhr; Sa./So. 11 bis 18 Uhr

Führungen: So. 9. Dezember, 11.30 Uhr; So. 13. Januar, 11.30 Uhr, So. 3. Februar, 15 Uhr

Film & Gespräch: Mittwoch, 23. Januar, 19.30 Uhr „Künstler sind gefährlich“ - Dokumentation über Woldemar Winkler, Surrealist der ersten Generation

Seltsam distanziert wirkt Winkler in seinen Porträts aus den 50er-Jahren, als der Dresdener vergeblich versuchte, in der Gütersloher Provinz heimisch zu werden. Es dauert, bis er hier seinen überbordenden Kunst-Kosmos erschaffen hat, in dem sich sein inneres Erleben in fulminanter, fantastischer, oft ironischer Weise austobt. Jetzt blickt Winkler selbstbewusst aus seinen Porträts. Bis hin zur biblischen Ikonographie weiß er sich immer wieder neu zu inszenieren.

Selbst Alter und Verfall spart er nicht aus: „Wenn man sein eigenes Gespenst wird“ heißt ein 1977 entstandenes Abbild. Da ist der Künstler auch mal lakonischer Chronist.

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