Wurzel des Übels heißt Werkvertrag



Rheda-Wiedenbrück (kvs) - Wie lange kann eine Gesellschaft wegschauen? Eine Frage, auf die Prälat Peter Kossen am Freitag auf dem Werl keine Antwort bekommt. Mit Gleichgesinnten macht er dort auf die vielfach prekären Arbeits- und Lebensbedingungen von Werkvertragsbeschäftigten aufmerksam.

Deutliche Worte finden am Freitag Volker Brüggenjürgen und Inge Bultschnieder für die häufig unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen zumeist osteuropäischer Werkvertragsarbeiter. Mehr als 3000 sind allein bei Tönnies beschäftigt.

Eingeladen hat zu der Demonstration inklusive abschließendem Protestmarsch zum Tönnies-Werk die IG Werkfairträge. Nach der ersten Veranstaltung dieser Art vor fünf Jahren habe sie den Eindruck gewonnen, es sei etwas in Gang gesetzt worden, sagt Initiatorin Inge Bultschnieder am Rande der Veranstaltung. Nun aber beschleiche sie das Gefühl, dass die Entwicklung wieder rückwärtsgewandt sei. Ihr und ihren Mitstreitern ist es am Freitag vor allem ein Anliegen, auf das Schicksal eines Werkvertragsarbeiters aufmerksam zu machen, der bei einem Arbeitsunfall in einem Tönnies-Betrieb im schleswig-holsteinischen Kellinghusen vier Finger verloren hat.

Menschen benutzt wie Gegenstände

Verschiedene Initiativen und Bündnisse nutzen die Gelegenheit, insbesondere für Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Werkvertragsarbeitern zu demonstrieren. Im Grunde genommen lehnt ein jeder von ihnen dieses Beschäftigungsmodell ab, stellt es zumindest infrage. „Es ist ein Krebsgeschwür, vom Gesetzgeber tatenlos hingenommen“, findet Peter Kossen deutliche Worte. „Menschen werden dabei benutzt wie Gebrauchsgegenstände“, sagt er.

Konsumverhalten überprüfen

Wer etwas bewegen möchte, sowohl für Mensch und Tier als auch für die Umwelt, „der muss auch sein Konsumverhalten überprüfen“, lenkt Emmanuel Zurbrüggen (Friday for future) den Blick der rund 100 Demonstranten auf die enorme Tragweite, die der hohe Fleischverzehr mit sich bringt. Camila Cirlini vom Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung stellt klar: „Menschen und Tiere sind kein Kapital.“

Als die IG Werkfairträge 2012 Missstände deutlich aufgezeigt habe, sei er zutiefst beschämt gewesen, bekennt Kreiscaritasgeschäftsführer Volker Brüggenjürgen auf dem zur Bühne umfunktionierten Anhänger. Beschämt deshalb, weil Menschen in seiner Heimatstadt unter unwürdigen Bedingungen arbeiteten und lebten. „Dieses ganze System beruht auf maximaler Ausnutzung.“

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