Zwei Klassenräume ranzenvoll


Ahlen - Hunderte Ranzen sind in der Ahlener Fritz-Winter-Gesamtschule für den Transport ins Ahrtal gepackt. Ein kleiner Hilfeaufruf motivierte weit über die Landesgrenzen. Hinter der Flutopferaktion stehen zwei Lehrerinnen, die zwei ihrer Ferienwochen zurück in ihre Klassenräume verlegten.

Ranzen stapeln sich sauber eingetütet in zwei Klassenräumen. Die beiden Pädagoginnen Birgit Beckmannshagen (r.) und Hannah Grosser verbringen zwei Ferienwochen für die Flutopferhilfe in ihrer Gesamtschule.

Karnevalisten aus Köln sind gleich mit 25 neuen Ranzen dabei, Urlaubsreisende aus Leverkusen mit acht. Eine Familie aus Bad Oeynhausen verlegt einen Ferientag extra nach Ahlen, um weitere vier abzugeben. Und in Dortmund-Herdecke läuft die Nähmaschine einer Rentnerin für handgearbeitete Sportbeutel lang durch die Nacht. All das wegen eines kleinen Hilfsaufrufs, den Birgit Beckmannshagen gleich am Montag nach der verheerenden Flutkatastrophe an die Redaktion unserer Zeitung und an den Rundfunk schickt. An Tag acht ihrer Aktion sind zwei Klassenräume der Fritz-Winter-Gesamtschule ranzenvoll. Über 350 dürften es schon jetzt sein. Und die Anlieferungen gehen munter weiter. Bis zu diesem Freitagmittag.

Der Lehrerin der Fritz-Winter-Gesamtschule ging es wie vielen. „Als ich die Bilder sah, musste ich helfen.“ In ihrem ersten Bildungsgang ausgebildete Medizinische Fachangestellte mit Erfahrungen auch in der Notfallmedizin, wollte sie sich dem DRK ins ihr bestens bekannte Ahrtal anschließen. Doch die Einsatztrupps waren schon unterwegs. Blitzartig schoss Beckmannshagen eine auf Schüler fokussierte Ranzenaktion durch den Kopf, die kein unüberlegter Schnellschuss sein sollte. Die Hammerin schrieb dem Bürgeramt in Bad Neuenahr. Am Tag darauf die Antwort: Ihre Hilfe sei überaus willkommen. Schulleiter Alois Brinkkötter gab aus dem Urlaub grünes Licht, Referendarin Hannah Grosser sagte zur Unterstützung ihrer Ausbildungslehrerin den Spanientrip sofort ab. Über Teams signalisierten sechs Schüler, spontan mitzumachen. Bei den Binders kam gleich die ganze Familie mit. Und dann war da noch Anne Seeger aus dem Internat in Schloss Heessen, die die Aktion ihrer befreundeten Ahlener Kollegin mit einer weiteren Annahmestelle unterstützte.

Birgit Beckmannshagens bisherige Bilanz produziert Herzschlag und Gänsehaut. Reisende aus dem Rheinland fing sie auf dem Weg zur Ostsee an der A2-Abfahrt Uentrop ab, um ihnen einen Umweg zu ersparen. „Neben ihren Kindern hatten sie auch noch acht Ranzen an Bord“, staunt sie noch immer. Eine andere Familie aus Ostwestfalen habe mit ihrem Tagesausflug nach Ahlen nur das Ziel gehabt, ihre vier Tornister vorbeizubringen. Ihnen empfahl die 55-Jährige einen Abstecher in den Maxipark. Ein Schreibwarenhändler aus Welver spendete 500 neue Füller. „Das Stück für 11,95 Euro“, merkt Birgit Beckmannshagen an. In Leverkusen nahm ihre Tochter zwölf Ranzen einer Elterninitiative an.

Am vorletzten Tag der Aktion haben sich die Helfer in drei Klassenräumen breitgemacht und kommen den Eingängen kaum hinterher. Birgit und Peter Dowe schauen am Donnerstagmorgen mit zwei Ranzen ihrer inzwischen 30-jährigen Tochter vorbei. Seit der Schulzeit schlummern in ihnen Erinnerungsstücke. Jetzt sind sie für Besseres berufen. Martina Drüge trifft Minuten danach mit ihren Töchtern Franziska und Liesbeth ein. Zum Schulwechsel waren Neue versprochen. Die alten sind aber noch top in Schuss. Wie all die anderen, die teils per Paketdienst auch aus Niedersachsen angeliefert werden. „Es waren nur drei dabei, die wir wirklich aussortieren mussten“, lobt die Initiatorin die Qualität.

Wie am Fließband durchlaufen alle Eingänge ihre Stationen: prüfen, reinigen, desinfizieren, über Nacht trocknen lassen und am anderen Tag packen. Mit gespendeten Etuis, Stiften und Blöcken und einer Überraschungstüte. Einige Kinder haben persönliche Briefe verfasst, wie Birgit Beckmannshagen erzählt. Darunter auch der: „An das Schulkind, das meinen Tornister bekommt. Vielleicht hast du Lust, mir zu schreiben. . .“

Das DRK wird die Spenden am 9. August ins Ahrtal bringen. In Klassenräumen können Familien sich dann ihren Ranzen aussuchen. „Vielleicht ist dann auch ein Tornister dabei, den das Kind vorher schon hatte“, mutmaßt Birgit Beckmannshagen. Sie wird es hautnah miterleben.

von Ulrich Gösmann

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