Biologe: Furcht vor Spinnen ist anerzogen


Viele verbinden mit den Achtbeinern Ekel oder Angst. Dass Spinnen auch schön und ästhetisch sind, davon ist Martin Kreuels überzeugt.

Es glitzert in der morgendlichen Herbstsonne: In diesem Spinnennetz haben sich nach kühlen Nachttemperaturen reichlich Tautropfen gebildet. Ein schönes Bild, das sich auf der nebligen Wiese ergibt. Fotos: dpa

Oelde (gh) - Der Biologe Martin Kreuels hat in Münster über Spinnen promoviert. „Die Menschen schauen nicht genau hin. Spinnen sind nicht nur schwarz oder braun, sie haben zudem wunderschöne Farbschattierungen.“ Ob violett-farbener Schimmer, weiße oder golden-farbene Stellen. Auch ihre Netze sind Wunderwerke, die jetzt im Morgentau schimmern. 

In der warmen Jahreszeit sind die Achtbeiner vor allem draußen in der Natur. Im Herbst und Winter, wenn es kälter wird und Frost droht, trifft man die mitunter ungebetenen Gäste auch im Haus an – im Keller oder in dunklen Ecken. „Spinnen ziehen sich zurück, um den Winter gut zu überstehen. Hinter Rinde, unter Steinen, im Boden, unter Laub oder windgeschützt in Hausritzen“, sagt Kreuels. 

Spinnen halten keinen Winterschlaf

In Winterschlaf verfallen Spinnen nicht. Ihr Körper enthält ein Frostschutzmittel, um sich zu schützen. „Dadurch bilden sich keine Kristalle im Körper, die das Gewebe zerreißen würden“, erklärt Kreuels. Somit könnten Spinnen den Winter durchaus gut überstehen. Länger als drei Wochen sollten sie bestenfalls jedoch nicht Temperaturen von minus zehn Grad ausgesetzt sein. Kreuzspinnen kommen wie ihre Artgenossen in den kalten Wintermonaten mit nur wenig Nahrung aus.

Ähnlich wie Honig

Die Tiere sind anfällig für Kälte, da sie Hydraulik nutzen, um sich zu bewegen. „Die Spinne pumpt Flüssigkeit durch ihre Beine.“ Der Biologe zieht einen Vergleich zu Honig: „Kalter, harter Honig fließt nicht so gut. Erwärmt man ihn, fließt er.“ Je wärmer der Körper der Spinne sei, desto schneller könnte sie sich bewegen. Je kälter, desto langsamer. 

Hintergrund: 

Spinnentiere sind eine Klasse der Gliederfüßler. Nicht nur die Webspinnen zählen hierzu, sondern auch Weberknechte, Skorpione und Milben, wozu auch Zecken gehören. Abzugrenzen sind Spinnen von Insekten, die sechs Beine haben. Spinnen hingegen sind an ihren acht Gliedmaßen zu erkennen. 

Weltweit gibt es laut Biologe Martin Kreuels 40.000 „echte“ Spinnen – wozu die Spinnentiere zählen, die einen Faden produzieren können. Zählt man Milben hinzu, leben etwa 100.000 Spinnentier-Arten weltweit. In Deutschland sind rund 1000 Spinnenarten anzutreffen. 

Welche am meisten verbreitet sind, sei aufgrund mangelnder Kenntnisstände nicht zu sagen. Arten wie die Kreuzspinne würden dank des Aussehens mehr auffallen. Heruntergerechnet leben nach Angaben von Kreuels zwischen 600 und 750 Arten in einer Region. Viele Spinnenarten weben Netze, um Nahrung zu sammeln. Andere Arten, wozu die Wolfsspinne und die Springspinne zählen, laufen auf der Jagd frei herum und wickeln zum Beispiel lediglich ihre Eier in Fäden. (gh)

Das ist entscheidend für die Jagd nach Futter. Webspinnen produzieren ein Netz und warten darauf, dass sich Insekten wie Fliegen darin verfangen. Arten wie die Springspinne laufen frei herum, um zu jagen. 

Lange Zeit ohne zu hungern

„Die reinen Netzbauer erkennt man daran, dass sie etwas pummeliger sind“, beschreibt Kreuels. Das sind zum Beispiel Hauswinkel-, Kreuz-, Baldachin- und Zitterspinnen. In der kalten Jahreszeit sei es für Spinnen sinnlos, Futter zu fangen. „Das wäre zu gefährlich, weil andere Tiere schneller sein könnten. Spinnen kommen jedoch lange Zeit aus, ohne zu hungern. Sie brauchen kaum Energie.“ 

Im Winter reduzieren die Achtbeiner ihre Körperfunktion – um den Stoffwechsel herunterzufahren. Die Kreuzspinne bräuchte laut dem Experten über fünf Wintermonate nur so viel Futter, wie in einen kleinen Würfel mit einer Länge von einem Millimeter passe.

Literatur beeinflusst das Bild

Obwohl Spinnen nützliche Tiere sind und jedes Jahr fleißig viele Insekten fressen, die dem Gewicht der deutschen Bevölkerung entsprechen, haben einige Menschen Angst vor den Achtbeinern.

Den Grund sieht Martin Kreuels unter anderem in der Literatur: „Die Angst ist anerzogen. Bereits um 1368 wurden Spinnenbilder oft mit Pest, Tod oder dem Teufel gleichgesetzt. Auch in der Kinderserie ‚Biene Maja’ hat die Spinne Thekla einen negativen Charakter.“ In anderen Ländern wie Australien, wo auch viele giftige Spinnen zuhause sind – die sogar zum Tod eines Menschen führen können – sei die Furcht nicht so verbreitet.

Wer dennoch Angst vor den ungefährlichen Arten in Deutschland hat, dem rät der 52-jährige Biologe: „Mit einem Kaffee morgens nach Sonnenaufgang vor ein Spinnennetz setzen. Wenn man die Spinne genauer beobachtet, wird man schnell fasziniert sein.“

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