Ganoven sehen es immer häufiger auf Milchtankstellen ab


Von wegen ländliche Idylle: Diebe haben es inzwischen auf Milchtankstellen und Selbstbedienungs-Hofläden abgesehen. Bauern sind alarmiert.

Immer mehr Landwirte bieten auf ihren Höfen die Möglichkeit an, an einem Automaten frische Milch zu kaufen. Zugleich werden diese SB-Automaten immer öfter auch Ziel von Kriminellen. Fotos: dpa

Gütersloh/Warendorf/Osnabrück (dpa/gl) - Die Ganoven kamen in der Nacht, und Dagmar Gösling hat sie gehört. Sie lag im Bett und nahm Geräusche wahr, erzählt die Landwirtin. „Am nächsten Morgen hat uns unsere Mitarbeiterin informiert“, sagt die 60-Jährige. Bisher nicht identifizierte Kriminelle hatten im Oktober ihren Verkaufsautomaten aufgebrochen. Der Schaden liege im vierstelligen Bereich. „Nicht nur das Wechselgeld ist weg“, sagt Gösling. Allein der Schaden an dem Verkaufsgerät beläuft sich auf mehrere tausend Euro.

Auch Fälle in OWL und im Münsterland

Seit 2015 haben Dagmar Gösling und ihr Mann auf ihrem Milchhof am Rande von Osnabrück direkt an der Grenze zu Westfalen Verkaufsautomaten stehen. „Seit dieser Zeit sind bei uns die Geräte schon fünf Mal aufgebrochen worden“, berichtet Hofeigentümer Bernhard Gösling. Die ständige Sorge, dass ungebetene Gäste sich an den Hofautomaten zu schaffen machen, ist auch bei Landwirten im Münsterland und Ostwestfalen-Lippe verbreitet, berichtet Birgit Jacquemin, Referentin für Direktvermarktung bei der Landwirtschaftskammer in Münster. Immer wieder mal komme es zu Aufbrüchen.

Kartoffeln und Milch meist uninteressant

Dabei haben die Ganoven es überwiegend nicht auf Ware abgesehen, sondern auf den Inhalt der Kasse. Der ist zwar meist überschaubar, aber der Schaden, den die Diebe am Automaten hinterlassen, ist oft immens. Entsprechende groß sind die Reparaturkosten.

Landwirt Gösling hat festgestellt: Der oder die Ganoven kommen, wenn es früher dunkel wird. „Im Frühjahr oder Sommer haben wir keine Probleme, aber immer im Herbst geht es los.“ Die Polizei geht davon aus, dass der oder die Kriminellen durchs Land reisen, wie Kommissar Jannis Gervelmeyer von der Polizeiinspektion Osnabrück sagt. Höhepunkt im Raum Osnabrück seien September und Oktober gewesen. Inzwischen sei die Diebstahlsserie augenscheinlich abgeflacht.

Wer die Täter sind, weiß man noch nicht

Allein in der Stadt und im Landkreis Osnabrück habe es in diesem Jahr 28 Diebstähle aus Selbstbedienungsautomaten gegeben, die der Polizei bekannt geworden seien. Bei 13 Diebstählen seien Lebensmittel aus Hofläden oder frei zugänglichen Lebensmittelständen weggenommen worden, in 15 Fällen wurden Automaten aufgebrochen. In vier Fällen blieb es laut Gervelmeyer bei Versuchen. Eine Idee, wer der Täter oder die Täterbande sein könnten, gebe es noch nicht. Das Motiv dürfte in der schnellen Beschaffung von etwas Geldwertem liegen. „Ich glaube nicht, dass wir in diesen Fällen von Tätern sprechen, die Hunger haben und deshalb Kartoffeln stehlen“, sagt Gervelemeyer.

Empfindliche Einbußen

Überwiegend, nämlich 15 Mal, wurden Lebensmittel gestohlen. Nur Bargeld sei sechs Mal im Landkreis und zwei Mal im Stadtgebiet von Osnabrück entwendet worden. „Wir sind im Austausch mit anderen Behörden, nicht nur in Niedersachsen“, sagt Gervelmeyer. „Wir gehen davon aus, dass die Täter mobil sind und reisen, von der Nordseeküste einmal herab durchs Land, und die Automaten ausrauben.“ Dagmar Gösling steht vor ihrer Milchtankstelle. Seitdem der Hof Gösling 2015 unter die Direktvermarkter gegangen ist, gab es sieben Angriffe auf ihre Verkaufsautomaten.  Für die Landwirte sind es empfindliche Einbußen. Den Bauern gehe es heute wirtschaftlich nicht gut, konstatiert Bernhard Gösling. Von den Erlösen, die er mit dem Verkauf seiner Milch an die Molkerei bekomme, komme er nicht über die Runden. Daher setzen er und seine Kolleginnen und Kollegen verstärkt auf die Selbstvermarktung ihrer Produkte. „Wenn jemand eine Milchtankstelle oder einen Verkaufsautomaten aufstellt, ist das der Versuch, den Hof noch ein paar Jahre länger am Leben zu erhalten“, sagt der 68-Jährige.

Mehr Unabhängigkeit als Ziel

Um sich von der Molkerei unabhängiger zu machen, haben die Göslings vor zwei Jahren kräftig investiert und eine Hofmolkerei aufgebaut. Der Kuhbestand sei verringert worden, von 100 auf inzwischen rund 65 Tiere. Wegen der trockenen Jahre sei das Futter immer teuerer geworden. Ihre Milch und auch Joghurt, Quark und Frischkäse verkaufen sie über ihr Hofcafé, in einigen Lebensmittelgeschäften und eben über die Verkaufsautomaten auf dem Hof. Die Investitionen sind nicht gering: Eine Milchtankstelle - ein Automat, von dem die Kunden frische Milch in eine Flasche abfüllen können, kostet schnell um die 20.000 Euro. Auch die Geldwechsel-Technik in den Verkaufsautomaten schlage mit mehreren tausend Euro zu Buche, berichten die Göslings.

Jeden Abend Automat entleeren, ist unrealistisch

Die Versicherung übernehme im besten Fall den Schaden am Automaten, aber auf dem Schaden wegen der gestohlenen Ware oder des gestohlenen Wechselgelds bleiben die Landwirte sitzen. „Wir haben viele Stammkunden, die hier kaufen“, sagt Dagmar Gösling. Dass wiederholt in den vergangenen Jahren die Automaten aufgebrochen wurde, nage an den Nerven. „Rational gesehen müssten wir das aufgeben.“ Was können die Landwirte tun? „Wir raten dazu, die Wechselgeldbestände jeden Abend aus den Automaten zu entfernen“, rät der Polizist Gervelmeyer. Allerdings sei das in den seltensten Fällen zu schaffen, wenden die Göslings ein. Immerhin sollen die Automaten idealerweise 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für die Kundschaft zur Verfügung stehen. Bargeldloses Bezahlen wäre eine Option - aber abgesehen davon, ob alle Kunden ihre Kartoffeln, Joghurt oder Möhren mit der Karte zahlen wollen, müsse dafür auch wieder investiert werden, sagt Gervelmeyer.

Rolltor soll Abhilfe schaffen

Andere Höfe arbeiteten damit, dass nur vorher registrierte Kunde in den Selbstbedienungsholfladen dürfen. Damit sei aber das spontane Einkaufen passé, gibt Dagmar Gösling zu Bedenken. Gerade in der Nähe der Großstadt nutzten doch viele Kunden die Möglichkeit, auch abends und in der Nacht schnell mal frische Milch oder andere Lebensmittel zu kaufen. Die Göslings haben reagiert, indem sie die Öffnungszeiten ihrer Automaten reduzieren: Nun soll ein Rolltor eingebaut werden, das um 22 Uhr den Zugang verhindert und um 6 Uhr morgens wieder freigibt.

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