Landwirte bereit zum Wandel für mehr Tierwohl



Landwirte aus der Region plädieren für mehr Tierwohl. Sie sind bereit für Veränderungen - dafür müssten aber die Bedingungen und Preise fürs Fleisch stimmen. 

Reichlich Platz und viel Stroh: Ulrich Schulze Vowinkel aus Laer (Kreis Steinfurt) hält einen Teil seiner Schweine in einem Offenfrontstall. Foto: Evers

Laer/Rheda-Wiedenbrück (be) - Deutschlands Landwirte sind in Bewegung. Die Ernährung der Verbraucher ändert sich, die Bedürfnisse sind im Wandel – und die Bauern ziehen mit. Diesen Eindruck bekommt, wer sich eine Reihe von Betrieben in der Region anschaut.

Ulrich Schulze Vowinkel ist ein Beispiel für einen dieser Landwirte. Wer bei ihm in den Stall schauen will, muss sich einen Overall anziehen, Plastikschützer über die Schuhe streifen. Es gilt den wertvollen Tierbestand vor Keimen und Krankheiten zu schützen. 

Fast 2000 Schweine hat der 38 Jahre alte Landwirt auf seinem Hof in Laer (Kreis Steinfurt). Drei Viertel der Tiere lebt in geschlossenen Ställen. Das Vieh steht auf Spaltböden, in Gruppen von jeweils vielleicht 20 Tieren. An den Seiten der Abteilungen hängt „Spielzeug“ – Holzleisten, an den die Tiere knabbern, durch Fenster fällt Tageslicht, Lüftungsanlagen geben frische Luft, verbrauchte wird über Kamine nach oben ausgestoßen, die Temperatur ist genauestens geregelt. Die Schweine haben zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben: Mindestens 0,825 Quadratmeter je Tier. Stallhaltung Plus heißt der Standard – es ist die sogenannte Haltungsform 2. 

Der Stall gegenüber sieht ganz anders aus: Die offene Front erstreckt sich bis zum Dach. Auf Stroh liegen gruppenweise die Schweine. Manche Tiere rennen quer durch den Raum, 20 Meter ist der Stall lang. Es sieht so aus, als hätten die Tiere Spaß an der Bewegung. 

Die Haltung von Schweinen unterliegt zahlreichen Vorschriften des Gesetzgebers. Diese beschreiben detailliert, wie ein Schweinestall ausgestaltet sein muss. Das betrifft insbesondere die Bodenbeschaffenheit und den Platzbedarf pro Tier. Einem 50 bis 110 Kilogramm schweren Mastschwein müssen demnach mindestens 0,75 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Im Bestreben um mehr Tierwohl wird den Tieren aber mehr Platz zugestanden. In der Haltungsform 2 (Stallhaltung Plus) sind es 10 Prozent mehr Raum, in der Haltungsform 3 (Außenklima) 40 Prozent mehr, in der besten Haltungsform 4 (Premium) sogar 100 Prozent mehr. Entsprechende Abstufungen gibt es auch für die Rindermast und für Milchviehbetriebe. (be)

„Wir haben den neuartigen Stall seit sieben Jahren“, berichtet Schulze Vowinkel. Gemeinsam mit dem Fleischkonzern Tönnies habe er einen festen Abnehmer für die artgerecht gehaltenen Mastschweine gefunden. Die Tiere habe in dem sogenannten Offenfrontstall doppelt so viel Platz wie gesetzlich vorgeschrieben und erhalten anderes Futter. „Dafür brauche ich mehr Geld“, sagt der Landwirt. Das bekommt er auch – und ist gerade jetzt froh darüber. 200 Euro erhält er für die Schweine der Haltungsform 4. Damit kann Schulze Vowinkel nach eigener Aussage wirtschaftlich arbeiten. 

Das ist bei den Tieren aus dem anderen Stall derzeit nicht so. 1,25 Euro erhält Schulze Vowinkel je Kilogramm, etwa 125 bis 130 Euro je Schwein. Er bräuchte aber 180 bis 190 Euro für ein gutes Auskommen. Schulze Vowinkel hofft auf bessere Preise. Durchhalten kann er jetzt, weil die ganze Familie auf dem Hof mit anpackt. Seine Eltern und sein Bruder sind dabei. Außerdem baut er auf eigenem und gepachteten Ackerland das Futter für seine Tiere an.

Wunsch nach eindeutigen Rahmenbedingungen

Landwirt Ulrich Schulze Vowinkel führt immer wieder Gäste über den Hof. Er freut sich, wenn Menschen Interesse zeigen und sich vor Ort über die Tierhaltung informieren. An der Seite des Offenfrontstalls gibt es eine Treppe. Besucher können dort hinaufgehen und durch ein Fenster hineinschauen. Der 38-Jährige würde gerne weitere Ställe nach dem Muster errichten, stößt dabei aber auf Hindernisse. 

So sind die bürokratischen Hemmnisse enorm. Die Baugenehmigung für einen neuen Stall dauert mitunter Jahre. Die offene Gestaltung des Stalls erfordert aufwendige Messungen der Geruchsbelästigung – pauschal werden Offenfrontställe schlechter bewertet als die konventionellen Stallungen mit ihrer Entlüftung über Kamine. Alleine die Gutachten kosten nach Angaben Schulze Vowinkels 20.000 bis 50.000 Euro. 

Dann ist nicht klar, ob die Verbraucher wirklich bereit sind, mehr Geld für Tiergerechtigkeit zu zahlen. „Wird das honoriert?“, fragt sich Schulze Vowinkel. Bis sich ein neuer Stall amortisiert, dauert es Jahrzehnte. 

Lebensmittelhersteller wie etwa Aldi wollen bis zum Ende des Jahrzehnts das Frischfleisch-Sortiment auf die Haltungsformen 3 (Offenstall) und 4 (Offenstall, doppelt so viel Platz für die Tiere wie gesetzlich vorgeschrieben) umstellen. Das hört sich gut an – die Landwirte fühlen sich aber alleine gelassen. Gerade der Einzelhandel hat in der Vergangenheit immer wieder Vertrauen verspielt. Schulze Vowinkel wünscht sich klare Rahmenbedingungen und ein Bekenntnis der Politik, wie die Landwirtschaft künftig aussehen soll. „Wir sind bereit für Veränderungen“, sagt Schulze Vowinkel.

„Bauern in Deutschland arbeiten effizient und umweltfreundlich“

Stefan Vogelsang ist Chef eines Milchviehbetriebs in Rheda-Wiedenbrück. Dem 35-Jährigen ist wichtig, dass die Tierhaltung in Deutschland erhalten bleibt. „Wir sind umweltfreundlicher, weil wir effizient arbeiten“, sagt der Milchbauer. Auch er wünscht sich darum verlässliche politische Rahmenbedingungen, um für sich und seinen Betrieb mehr Planungssicherheit zu bekommen. 

<mediaobject class="imageleft" id="X0.7347625517481979" idref="X0.19064006067040196" type="image" uid="8d655fb1-8744-45a7-bb89-1aebe4f9e32e" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/8d655fb1-8744-45a7-bb89-1aebe4f9e32e/115.JPEG" uuid="8d655fb1-8744-45a7-bb89-1aebe4f9e32e" x0="0" x1="100" y0="0" y1="100"><element name="Unterschrift">Stefan und Anne Vogelsang. Foto: Inderlied<element name="Quelle"/></mediaobject>Vogelsang leidet unter den niedrigen Preisen für seine Erzeugnisse – und gibt offenherzig Einblick in seine Kalkulation. Wenn die Einnahmesituation besser wird, muss zunächst einmal Schulden in Höhe von 100 000 Euro tilgen – erst danach könne er Reserven schaffen. 

Der 35-jährige Rheda-Wiedenbrücker bewirtschaftet einen Traditionsbetrieb, so wie viele andere Landwirte in der Region. In vierter Generation arbeitet seine Familie auf dem Hof. Frau, Sohn, Eltern und zwei Auszubildende arbeiten mit. 180 Milchkühe gibt es in seinem Betrieb, dazu noch 120 Sauen. 

An seinem Betrieb zeigt sich, wie sehr ein Landwirt von der Substanz lebt – und gleichzeitig auf modernste Technik setzen muss. „Ein Schlüssel zum Erfolg sind viele bezahlte Gebäude“, sagt Vogelsang. Die Kühe stehen in Ställen, die Großvater und Vater erbaut haben. Dazu kommt noch der eigene Fuhrpark: Der jüngste Traktor ist 13 Jahre alt, manche Maschine bis zu 40 Jahre. Und Stefan Vogelsang arbeitet viel: 70 bis 80 Stunden in der Woche sind es. 

Einen Teil der Aufgaben erledigen Roboter. So zum Beispiel das Melken. Vollautomatisch werden die Kühe in zwei Stationen gemolken. 250.000 Euro haben die schwedischen Vollautomaten vor drei Jahren gekostet. „In sieben Jahren sind sie abbezahlt, dann wird damit Geld verdient“, sagt Vogelsang. Dabei fallen auch die besten Maschinen einmal aus. Ausgerechnet Silvester fiel ein Melkroboter aus. „Da konnte ich dann zwei Stunden lang schrauben“, erinnert er sich. Insgesamt macht ihm die Maschine aber das Leben leichter: Statt um 4.30 Uhr wie früher beginnt sein Arbeitstag jetzt um 6 Uhr.

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