OWL soll bis 2035 klimaneutral werden



Zwei Wasserstoff-Pilotprojekte dienen als Basis: Die Region Ostwestfalen-Lippe soll bis 2035 CO2-neutral werden.

Seit 1909 gibt es den Kraftwerksstandort in Kirchlengern (Kreis Herford). Aus dem Gasturbinenkraftwerk des kommunalen Netzbetreibers Westfalen Weser (Paderborn) soll ein Wasserstoff-Systemkraftwerk werden. Mit ihm soll mit Hilfe regenerativ erzeugter Energie aus der Region Wasserstoff erzeugt werden. Voraussetzung für die Umsetzung der Pläne ist aber eine Anschubfinanzierung durch Fördermittel des Bundes.

Herford/Kirchlengern/Paderborn (gl). Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Bis 2035 will der Netzbetreiber Westfalen Weser Ostwestfalen-Lippe zu einer CO2-neutralen Region entwickeln. Am Freitag informierte das kommunale Unternehmen Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) über das Konzept, das auf zwei großen Wasserstoff-Pilotprojekten in Kirchlengern (Kreis Herford) und Lichtenau (Kreis Paderborn) basiert.

Ministerin begeistert

 Schulze sprach von einem „ungemein spannenden“ Vorhaben, hier werde die Energiewende vor Ort konkret. „Ich würde mir wünschen, dass mehr Regionen so vorangehen“, so die Ministerin. In Kirchlengern soll das bestehende Gasturbinenkraftwerk zu einem Systemkraftwerk umgebaut werden, das regenerativ erzeugte Energie in Wasserstoff umwandelt. Der kann dann als klimafreundlicher Energieträger der Industrie zur Verfügung gestellt und – etwa zu Nachtzeiten – über Brennstoffzellen zur Energieerzeugung verwendet werden. So ließe sich das Stromnetz ohne die Leistung von Photovoltaikanlagen stabilisieren. 

„Schlafender Riese“

In Lichtenau soll unter dem Arbeitstitel „Schlafender Riese“ die vollständige „Dekarbonisierung“ des Wärmesektors für Raumwärme und industrielle Prozesswärme modellhaft getestet werden. „Dabei werden vorhandene Erdgasnetze und -speicher genutzt“, erklärte Andreas Speith, Geschäftsführer von Westfalen Weser Netz, den ambitionierten Ansatz. Er sieht in der Region für die Projekte hervorragende Bedingungen, vor allem wegen des hohen Anteils an regenerativ erzeugter Energie, der bis 2030 noch rapide steigen werde. Das Problem: Schon heute müssen Windkraftanlagen in großem Umfang abgeschaltet werden, weil das bestehende Stromnetz sonst überlastet würde. Genau diese derzeit „überschüssige Energie“ soll für die Erzeugung von Wasserstoff genutzt werden.

Fördermittel erforderlich

Für Bundesumweltministerin Svenja Schulze und den SPD-Bundestagsabgeordneten für den Kreis Herford, Stefan Schwartze, war der Termin in Kirchlengern ein willkommener Auftritt im Zuge des Bundestagswahlkampfs. Für das Unternehmen Westfalen Weser war er eine gute Gelegenheit, die Ministerin von den Chancen der Pilotprojekte zu überzeugen. Geschäftsführer Andreas Speith erklärte, dass die beiden „technologisch hochkomplexen“ Vorhaben in Kirchlengern und Lichtenau ohne finanzielle Unterstützung des Bundes nicht zu stemmen seien. Bis Ende Oktober beabsichtige Westfalen Weser deshalb auf Basis konkreter Projektskizzen Fördergelder zu beantragen. Ob Svenja Schulze dann noch das Bundesumweltministerium leitet, ist allerdings fraglich. In der Region ist man von dem Ansatz mehr als überzeugt.

Klimaschutz „Made in OWL“

 „Klimaschutz beginnt für mich immer vor der eigenen Haustür. Wir wollen zeigen, dass die Energiewende ‚Made in OWL‘ gelingen kann. Die Standortfaktoren hier in der Region sind wahrscheinlich einmalig in Deutschland“, erklärte Stefan Schwartze voller Euphorie. Er geht von einer erforderlichen „Anschubfinanzierung in zweistelliger Millionenhöhe“ aus. „Die ökologische und die ökonomische Bedeutung solcher Projekte für die Region und darüber hinaus kann man nicht stark genug betonen“, erklärte Herfords Bürgermeister Tim Kähler (SPD), der Aufsichtsratsvorsitzender der Westfalen Weser ist. Man wolle mit den Wasserstoff-Projekten „Pionierarbeit“ leisten. 

Regionaler Versorger

Die Westfalen Weser GmbH & Co. KG ist ein kommunales Unternehmen mit 56 Anteilseignern aus der Region. Die größten sind die Städte Paderborn und Herford. Der Netzbetreiber (Gas, Strom, Wasser) ist nach eigenen Angaben spezialisiert auf den Betrieb von Blockheizkraftwerken. 230 solcher Anlagen versorgen Industriebetriebe, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude mit Wärme und Strom. Das Kraftwerk Kirchlengern (145 Megawatt) wird im Spitzen- und Reservelastbereich gefahren. Zum Unternehmen Westfalen Weser gehören außerdem ein Heizkraftwerk in Minden sowie im Bereich der regenerativen Energien drei Biogasanlagen und mehrere Photovoltaikanlagen.

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