Ermittlungen nach Vorwürfen gegen Schweinemastbetriebe 



In sechs Schweinemastbetrieben im Münsterland und Ostwestfalen gibt es den Verdacht auf Tierquälerei. Westfleisch kündigt Maßnahmen an.

Münster/Detmold (dpa) - Schweine mit blutenden Wunden, Abzessen, Entzündungen an Augen und Beinen, auch einige tote oder sogar verwesende Tiere im Stall: Schockierende Aufnahmen aus Schweinemastbetrieben von kranken und schwer verletzten Tieren haben staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und Appelle an die Politik ausgelöst. Das Bildmaterial veröffentlichte das Deutsche Tierschutzbüro am Mittwoch und prangerte drastische Missstände in Mastbetrieben an.

Appell an die Politik

Die Aufnahmen sollen aus sechs Betrieben in Nordrhein-Westfalen stammen - Münsterland und Ostwestfalen - und in einem Fall aus einem Unternehmen aus Niedersachsen. Allesamt seien sie Zulieferer von Westfleisch, einem der deutschlandweit größten Schweineschlachter mit mehreren Millionen Schlachttieren pro Jahr und einem Milliarden-Umsatz.

Der Deutsche Tierschutzbund appellierte angesichts der Bilder an Politik und Gesetzgeber: „Fehlende Kontrollmechanismen durch Veterinärbehörden, behandelnde Tierärzte, Transportunternehmen, Schlachthöfe und letztendlich den Lebensmitteleinzelhandel lassen diese unsäglichen Qualen zu.“ In der Vergangenheit hatten Tierschützer immer wieder auf unzumutbare Zustände hingewiesen und Behörden und Ermittler auf den Plan gerufen.

Drei Staatsanwaltschaften involviert

Im aktuellen Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft Münster wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz gegen drei Schweinemastbetriebe. Ausgangspunkt seien Anzeigen des Deutschen Tierschutzbüros, sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Mittwoch. Den Anzeigen seien USB-Sticks mit Fotos beigefügt, die aktuell geprüft würden. Das Deutsche Tierschutzbüro ist ein gemeinnütziger Verein, der nach eigenen Angaben vor allem mit Bild- und Filmmaterial auf Missstände in der Massentierhaltung aufmerksam machen will.

Bei der Staatsanwaltschaft in Detmold hieß es, Anfang Juli sei Videomaterial eingegangen, das Tiere mit „nicht oder nicht sachgerecht behandelten Verletzungen“ zeige. „Nach Sichtung des Videomaterials ergab sich ein Anfangsverdacht wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz“, schilderte ein Sprecher mit Blick auf einen Betrieb. In zwei weiteren Fällen soll die Staatsanwaltschaft in Paderborn Untersuchungen führen.

Was Westfleisch unternehmen will

Die Unternehmensgruppe Westfleisch kündigte mehrere Maßnahmen an. Man nehme die Vorwürfe gegen die einzelnen Tierhalter sehr ernst und gehe ihnen „mit aller Entschiedenheit“ nach, betonte Westfleisch auf dpa-Anfrage. „Bis zur endgültigen Klärung aller Vorwürfe behalten wir uns sanktionierende Maßnahmen bis hin zur Kündigung der Lieferverträge vor.“ Das Wohlergehen der gehaltenen Tiere stehe an erster Stelle.

Das Unternehmen in Münster will nun jeden betroffenen Betrieb überprüfen. Kurzfristig sollten zudem alle Lieferbetriebe besichtigt und die Zustände dort dokumentiert werden - auch, um „die generell hervorragende Arbeit unserer über 3000 Vertragspartner nicht in Misskredit“ geraten zu lassen.

Betriebe als positive Beispiele dargestellt?

Westfleisch werde außerdem sein Kontrollnetz erweitern. Transport- und schlachtunfähige Tiere würden grundsätzlich nicht zur Schlachtung angenommen. Den Vorwürfen zufolge sollen Tiere in einigen Fällen beim Abtransport mit Elektroschockern misshandelt worden sein.

Manche der Mastbetriebe sollen dem Tierschutzbüro zufolge EU-Fördergelder in sechsstelliger Höhe erhalten haben, wie Jan Peifer, der Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbüros, berichtete. Die Bilder seien dem Verein in den vergangenen Monaten zugespielt worden. Die sieben Betriebe seien auf der Westfleisch-Webseite als positive Beispiele herausgestellt worden, sagte er. „Wir könnten wahllos in 30 weitere Betriebe reinmarschieren und würden wahrscheinlich ähnliche Zustände vorfinden.“

Landwirt bezieht Stellung

„Die Bilder zeigen extreme Situationen, aber dennoch sind diese Tierschutzverstöße systemimmanent“, meinte der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder. „Auch der gutwilligste Landwirt kann an diesen tierschutzwidrigen, jedoch per Gesetz zulässigen Gegebenheiten einer Warmstallhaltung nichts nachhaltig verbessern.“ Die Politik müsse für bessere Rahmenbedingungen sorgen.

Die Aufnahmen seien „schockierend“, zitierte das ZDF-Magazin „Frontal“ einen der kritisierten Landwirte. „Wir haben aus meiner Sicht alles getan, was ging.“ Ferkel hätten sich plötzlich massiv in die Schwänze gebissen, eine Infektion habe rasant um sich gegriffen. Man habe das Futter analysiert, Obduktionen vorgenommen, Schadstoffmessungen durchgeführt, das Problem aber auch zusammen mit dem Tierarzt lange nicht in den Griff bekommen.

Bußgelder verhängt

Aus dem NRW-Landwirtschaftsministerium hieß es, bereits im Frühsommer seien bei den betroffenen Kreisen anonyme Hinweise auf tierschutzrechtliche Verstöße eingegangen. Es habe danach unangekündigte Kontrollen gegeben. „Dabei haben sich die angezeigten Verstöße in vier von sechs Fällen bestätigt“, berichtete ein Sprecher in Düsseldorf. Es handele sich überwiegend um Verstöße beim Umgang mit kranken oder verletzten Tieren - etwa nicht erfolgte tierärztliche Behandlungen oder Nottötungen oder auch eine unterbliebene Separierung dieser Tiere.

Die zuständigen Behörden sorgten laut Ministerium dafür, dass die Zustände beseitigt wurden. Es seien auch Bußgeldverfahren eingeleitet worden. Zusätzlich würden nun die Videoaufnahmen der Tierschützer ausgewertet und analysiert.

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